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Full text of "Jenseits des Lustprinzips [3., durchgesehene Auflage]"






SIGM. FREUD 

JENSEITS DES 
LUSTPRINZIPS 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 









L 



JENSEITS DES 
LUSTPRINZIPS 



VON 



SIGM. FREUD 



DRITTE, 

DURCHGESEHENE AUFLAGE 

(5-— 9- TAUSEND) 




1923 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 
LEIPZIG WIEN ZÜRICH 



Gedruckt bei K. Llebel, Wien 






Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in alle Sprachen, 

vorbehalten 

Copyright 1923 
by »Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien« 






^ 



I. 



In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir un- 
bedenklich an, daß der Ablauf der seelischen Vorgänge 
automatisch durch das Lustprinzip reguliert wird, das 
heißt, wir glauben, daß er jedesmal durch eine unlust- 
volle Spannung angeregt wird und dann eine solche 
Richtung einschlägt, daß sein Endergebnis mit einer 
Herabsetzung dieser Spannung, also mit einer Vermei- 
dung von Unlust oder Erzeugung von Lust zusammen- 
fällt. Wenn wir die von uns studierten seelischen Pro- 
zesse mit Rücksicht auf diesen Ablauf betrachten, 
führen wir den ökonomischen Gesichtspunkt in unsere 
Arbeit ein. Wir meinen, eine Darstellung, die neben 
dem topischen und dem dynamischen Moment noch 
dies ökonomische zu würdigen versuche, sei die voll- 
ständigste, die wir uns derzeit vorstellen können, und 
verdiene es, durch den Namen einer metapsycho- 
logischen hervorgehoben zu werden. 

Es hat dabei für uns kein Interesse zu unter- 
suchen, inwieweit wir uns mit der Aufstellung des 

Freud : Jenseits des Lustprinzips I 



Sigm. Freud 



Lustprinzips einem bestimmten, historisch festgelegten, 
philosophischen System angenähert oder angeschlossen 
haben. Wir gelangen zu solchen spekulativen Annahmen 
bei dem Bemühen, von den Tatsachen der täglichen 
Beobachtung auf unserem Gebiete Beschreibung und 
Rechenschaft zu geben. Priorität und Originalität ge- 
hören nicht zu den Zielen, die der psychoanalytischen 
Arbeit gesetzt sind, und die Eindrücke, welche der 
Aufstellung dieses Prinzips zugrunde liegen, sind so 
augenfällig, daß es kaum möglich ist, sie zu übersehen. 
Dagegen würden wir uns gerne zur Dankbarkeit gegen 
eine philosophische oder psychologische Theorie be- 
kennen, die uns zu sagen wüßte, was die Bedeutungen 
der für uns so imperativen Lust- und Unlustempfin- 
dungen sind. Leider wird uns hier nichts Brauchbares 
geboten. Es ist das dunkelste und unzugänglichste 
Gebiet des Seelenlebens, und wenn wir unmöglich ver- 
meiden können, es zu berühren, so wird die lockerste 
Annahme darüber, meine ich, die beste sein. Wir 
haben uns entschlossen, Lust und Unlust mit der Quan- 
tität der im Seelenleben vorhandenen — und nicht 
irgendwie gebundenen — Erregung in Beziehung zu 
bringen, solcher Art, daß Unlust einer Steigerung, 
Lust einer Verringerung dieser Quantität entspricht. 
Wir denken dabei nicht an ein einfaches Verhältnis 
zwischen der Stärke der Empfindungen und den Ver- 
änderungen, auf die sie bezogen werden; am wenigsten 
nach allen Erfahrungen der Psychophysiologie — 






Jenseits des Litstprinzips 



an direkte Proportionalität; wahrscheinlich ist das Maß 
der Verringerung oder Vermehrung in der Zeit das für 
die Empfindung entscheidende Moment. Das Experiment 
fände hier möglicherweise Zutritt, für uns Analytiker 
ist weiteres Eingehen in diese Probleme nicht geraten, 
solange nicht ganz bestimmte Beobachtungen uns leiten 
können. 

Es kann uns aber nicht gleichgültig lassen, wenn 
wir finden, daß ein so tiefblickender Forscher wie 
G. Th. Fechner eine Auffassung von Lust und Unlust 
vertreten hat, welche im wesentlichen mit der zusammen- 
fällt, die uns von der psychoanalytischen Arbeit auf- 
gedrängt wird. Die Äußerung Fechner's ist in seiner 
kleinen Schrift: Einige Ideen zur Schöpfungs- und 
Entwicklungsgeschichte der Organismen, 1873 (Ab- 
schnitt XI, Zusatz, p. 94), enthalten und lautet wie 
folgt: ,, Insofern bewußte Antriebe immer mit Lust 
oder Unlust in Beziehung stehen, kann auch Lust oder 
Unlust mit Stabilitäts- und Instabilitätsverhältnissen in 
psychophysischer Beziehung gedacht werden, und es 
läßt sich hierauf die anderwärts von mir näher zu ent- 
wickelnde Hypothese begründen, daß jede, die Schwelle 
des Bewußtseins übersteigende psychophysische Be- 
wegung nach Maßgabe mit Lust behaftet sei, als sie 
sich der vollen Stabilität über eine gewisse Grenze 
hinaus nähert, mit Unlust nach Maßgabe, als sie über 
eine gewisse Grenze davon abweicht, indes zwischen 
beiden, als qualitative Schwelle der Lust und Unlust 






Sigm. Freud 



zu bezeichnenden Grenzen eine gewisse Breite ästhe- 
tischer Indifferenz besteht, . . . ." 

Die Tatsachen, die uns veranlaßt haben, an die 
Herrschaft des Lustprinzips im Seelenleben zu glauben, 
finden auch ihren Ausdruck in der Annahme, daß es 
ein Bestreben des seelischen Apparates sei, die in ihm 
vorhandene Quantität von Erregung möglichst niedrig 
oder wenigstens konstant zu erhalten. Es ist dasselbe, 
nur in andere Fassung gebracht, denn wenn die Arbeit 
des seelischen Apparates dahin geht, die Erregungs- 
quantität niedrig zu halten, so muß alles, was dieselbe 
zu steigern geeignet ist, als funktionswidrig, das heißt, 
als unlustvoll empfunden werden. Das Lustprinzip leitet 
sich aus dem Konstanzprinzip ab j in Wirklichkeit wurde 
das Konstanzprinzip aus den Tatsachen erschlossen die 
uns die Annahme des Lustprinzips aufnötigten. Bei 
eingehenderer Diskussion werden wir auch finden, daß 
dies von uns angenommene Bestreben des seelischen 
Apparates sich als spezieller Fall dem Fechner'schen 
Prinzip der Tendenz zur Stabilität unterordnet, zu 
dem er die Lust-Unlustempfindungen in Beziehung 
gebracht hat. 

Dann müssen wir aber sagen, es sei eigentlich 
unrichtig, von einer Herrschaft des Lustprinzips über 
den Ablauf der seelischen Prozesse zu reden. Wenn 
eine solche bestände, müßte die übergroße Mehrheit 
unserer Seelenvorgänge von Lust begleitet sein oder 
zur Lust führen, während doch die allgemeinste Er- 






Jenseits des Lustprinzips 



fahrung dieser Folgerung energisch widerspricht. Es 
kann also nur so sein, daß eine starke Tendenz zum 
Lustprinzip in der Seele besteht, der sich aber gewisse 
andere Kräfte oder Verhältnisse widersetzen, so daß 
der Endausgang nicht immer der Lusttendenz ent- 
sprechen kann. Vgl. die Bemerkung Fechner's bei 
ähnlichem Anlasse (ebenda, p. 90): ,, Damit aber, daß 
die Tendenz zum Ziele noch nicht die Erreichung des 
Zieles bedeutet und das Ziel überhaupt nur in Ap- 
proximationen erreichbar ist, . . . ." Wenn wir uns nun 
der Frage zuwenden, welche Umstände die Durch- 
setzung des Lustprinzips zu vereiteln vermögen, dann 
betreten wir wieder sicheren und bekannten Boden 
und können unsere analytischen Erfahrungen in reichem 
Ausmaße zur Beantwortung heranziehen. 

Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lust- 
prinzips ist uns als ein gesetzmäßiger vertraut. Wir 
wissen, daß das Lustprinzip einer primären Arbeits- 
weise des seelischen Apparates eignet, und daß es 
für die Selbstbehauptung des Organismus unter den 
Schwierigkeiten der Außenwelt so recht von Anfang 
an unbrauchbar, ja in hohem Grade gefährlich ist. 
Unter dem Einflüsse der Selbsterhaltungstriebe des 
Ichs wird es vom Realitätsprinzip abgelöst, welches 
ohne die Absicht endlicher Lustgewinnung aufzugeben, 
doch den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht 
auf mancherlei Möglichkeiten einer solchen und die 
zeitweilige Duldung der Unlust auf dem langen Um- 



Sigm. Freud 



wege zur Lust fordert und durchsetzt. Das Lustprinzip 
bleibt dann noch lange Zeit die Arbeitsweise der 
schwerer ,, erziehbaren 1 ' Sexualtriebe, und es kommt 
immer wieder vor, daß es, sei es von diesen letzteren 
aus, sei es im Ich selbst, das Realitätsprinzip zum 
Schaden des ganzen Organismus überwältigt. 

Es ist indes unzweifelhaft, daß die Ablösung des 
Lustprinzips durch das Realitätsprinzip nur für einen 
geringen und nicht für den intensivsten Teil der Unlust- 
erfahrungen verantwortlich gemacht werden kann. Eine 
andere, nicht weniger gesetzmäßige Quelle der Unlust- 
entbindung ergibt sich aus den Konflikten und Spal- 
tungen im seelischen Apparat, während das Ich seine 
Entwicklung zu höher zusammengesetzten Organisationen 
durchmacht. Fast alle Energie, die den Apparat er- 
füllt, stammt aus den mitgebrachten Triebregungen, 
aber diese werden nicht alle zu den gleichen Ent- 
wicklungsphasen zugelassen. Unterwegs geschieht es 
immer wieder, daß einzelne Triebe oder Triebanteile 
sich in ihren Zielen oder Ansprüchen als unverträglich 
mit den übrigen erweisen, die sich zu der umfassenden 
Einheit des Ichs zusammenschließen können. Sie werden 
dann von dieser Einheit durch den Prozeß der Ver- 
drängung abgespalten, auf niedrigeren Stufen der psy- 
chischen Entwicklung zurückgehalten und zunächst von 
der Möglichkeit einer Befriedigung abgeschnitten. Ge- 
lingt es ihnen dann, was bei den verdrängten Sexual- 
trieben so leicht geschieht, sich auf Umwegen zu einer 



*£=* 



Jenseits des Lustprinzips 



direkten oder Ersatzbefriedigung durchzuringen, so wird 
dieser Erfolg, der sonst eine Lustmöglichkeit gewesen 
wäre, vom Ich als Unlust empfunden. Infolge des alten, 
in die Verdrängung auslaufenden Konfliktes hat das 
Lustprinzip einen neuerlichen Durchbruch erfahren, ge- 
rade während gewisse Triebe am Werke waren, in 
Befolgung des Prinzips neue Lust zu gewinnen. Die 
Einzelheiten des Vorganges, durch welchen die Ver- 
drängung eine Lustmöglichkeit in eine Unlustquelle 
verwandelt, sind noch nicht gut verstanden oder nicht 
klar darstellbar, aber sicherlich ist alle neurotische Un- 
lust von solcher Art, ist Lust, die nicht als solche 
empfunden werden kann. 

Die beiden hier angezeigten Quellen der Unlust 
decken noch lange nicht die Mehrzahl unserer Unlust- 
erlebnisse, aber vom Rest wird man mit einem An- 
schein von gutem Recht behaupten, daß sein Vorhanden- 
sein der Herrschaft des Lustprinzips nicht widerspricht. 
Die meiste Unlust, die wir verspüren, ist ja Wahr- 
nehmungsunlust, entweder Wahrnehmung des Drängens 
unbefriedigter Triebe oder äußere Wahrnehmung, sei 
es, daß diese an sich peinlich ist, oder daß sie unlust- 
volle Erwartungen im seelischen Apparat erregt, von 
ihm als „Gefahr'* erkannt wird. Die Reaktion auf diese 
Triebansprüche und Gefahr droh ungen, in der sich die 
eigentliche Tätigkeit des seelischen Apparates äußert, 
kann dann in korrekter Weise vom Lustprinzip oder 
dem es modifizierenden Realitätsprinzip geleitet werden. 



8 



Sigm. Freud 



Somit scheint es nicht notwendig, eine weitergehende 
Einschränkung des Lustprinzips anzuerkennen, und doch 
kann gerade die Untersuchung der seelischen Reaktion 
auf die äußerliche Gefahr neuen Stoff und neue Frage- 
stellungen zu dem hier behandelten Problem liefern. 



IL 

Nach schweren mechanischen Erschütterungen, 
Eisenbahnzusammenstößen und anderen, mit Lebens- 
gefahr verbundenen, Unfällen ist seit langem ein Zustand 
beschrieben worden, dem dann der Name „trauma- 
tische Neurose" verblieben ist. Der schreckliche, eben 
jetzt abgelaufene Krieg hat eine große Anzahl solcher 
Erkrankungen entstehen lassen und wenigstens der 
Versuchung ein Ende gesetzt, sie auf organische Schädi- 
gung des Nervensystems durch Einwirkung mechanischer 
Gewalt zurückzuführen. 1 Das Zustandsbild der trauma- 
tischen Neurose nähert sich der Hysterie durch seinen 
Reichtum an ähnlichen motorischen Symptomen, über- 
trifft diese aber in der Regel durch die stark aus- 
gebildeten Anzeichen subjektiven Leidens, etwa wie 
bei einer Hypochondrie oder Melancholie, und durch 
die Beweise einer weit umfassenderen allgemeinen 

i) Vgl. Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Mit Beiträgen 
von Ferenczi, Abraham, Simmel und E. Jones. Band I der 
Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek, 1919. 



10 Sigm. Freud 



Schwächung und Zerrüttung der seelischen Leistungen. 
Ein volles Verständnis ist bisher weder für die Kriegs- 
neurosen noch für die traumatischen Neurosen des 
Friedens erzielt worden. Bei den Kriegsneurosen wirkte 
es einerseits aufklärend, aber doch wiederum ver- 
wirrend, daß dasselbe Krankheitsbild gelegentlich ohne 
Mithilfe einer groben mechanischen Gewalt zustande 
kam; an der gemeinen traumatischen Neurose heben 
sich zwei Züge hervor, an welche die Überlegung an- 
knüpfen konnte, erstens, daß das Hauptgewicht der 
Verursachung auf das Moment der Überraschung, auf 
den Schreck, zu fallen schien, und zweitens, daß eine 
gleichzeitig erlittene Verletzung oder Wunde zumeist 
der Entstehung der Neurose entgegenwirkte. Schreck, 
Furcht, Angst werden mit Unrecht wie synonyme Aus- 
drücke gebraucht; sie lassen sich in ihrer Beziehung 
zur Gefahr gut auseinanderhalten. Angst bezeichnet 
einen gewissen Zustand wie Erwartung der Gefahr 
und Vorbereitung auf dieselbe, mag sie auch eine un- 
bekannte sein; Furcht verlangt ein bestimmtes Objekt, 
vor dem man sich fürchtet; Schreck aber benennt 
den Zustand, in den man gerät, wenn man in Gefahr 
kommt, ohne auf sie vorbereitet zu sein, betont das 
Moment der Überraschung. Ich glaube nicht, daß die 
Angst eine traumatische Neurose erzeugen kann; an 
der Angst ist etwas, was gegen den Schreck und also 
auch gegen die Schreckneurose schützt. Wir werden 
auf diesen Satz später zurückkommen. 



■ 



■ — 



Jenseits des Lustprinzips 1 1 












Das Studium des Traumes dürfen wir als den 
zuverlässigsten Weg zur Erforschung der seelischen 
Tiefenvorgänge betrachten. Nun zeigt das Traumleben 
der traumatischen Neurose den Charakter, daß es den 
Kranken immer wieder in die Situation seines Unfalles 
zurückführt, aus der er mit neuem Schreck erwacht. 
Darüber verwundert man sich viel zu wenig. Man 
meint, es sei eben ein Beweis für die Stärke des Ein- 
druckes, den das traumatische Erlebnis gemacht hat, 
daß es sich dem Kranken sogar im Schlaf immer 
wieder aufdrängt. Der Kranke sei an das Trauma so- 
zusagen psychisch fixiert. Solche Fixierungen an das 
Erlebnis, welches die Erkrankung ausgelöst hat, sind 
uns seit langem bei der Hysterie bekannt. Breuer 
und Freud äußerten 1893: Die Hysterischen leiden 
großenteils an Reminiszenzen. Auch bei den Kriegs- 
neurosen haben Beobachter wie Ferenczi und Simmel 
manche motorische Symptome durch Fixierung an den 
Moment des Traumas erklären können. 

Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an trauma- 
tischer Neurose Krankenden sich im Wachleben viel 
mit der Erinnerung an ihren Unfall beschäftigen. Viel- 
leicht bemühen sie sich eher, nicht an ihn zu denken. 
Wenn man es als selbstverständlich hinnimmt, daß der 
nächtliche Traum sie wieder in die krankmachende 
Situation versetzt, so verkennt man die Natur des 
Traumes. Dieser würde es eher entsprechen, dem 
Kranken Bilder aus der Zeit der Gesundheit oder der 



12 



Sigm. Freud 



erhofften Genesung vorzuführen. Sollen wir durch die 
Träume der Unfallsneurotiker nicht an der wunsch- 
erfüllenden Tendenz des Traumes irre werden, so 
bleibt uns etwa noch die Auskunft, bei diesem Zu- 
stand sei wie so vieles andere auch die Traumfunktion 
erschüttert und von ihren Absichten abgelenkt worden, 
oder wir müßten der rätselhaften masochistischen Ten- 
denzen des Ichs gedenken. 

Ich mache nun den Vorschlag, das dunkle und 
düstere Thema der traumatischen Neurose zu ver- 
lassen und die Arbeitsweise des seelischen Apparates 
an einer seiner frühzeitigsten normalen Betätigungen 
zu studieren. Ich meine das Kinderspiel. 

Die verschiedenen Theorien des Kinderspiels sind 
erst kürzlich von S. Pfeifer in der „Imago" (V/4) 
zusammengestellt und analytisch gewürdigt worden; 
ich kann hier auf diese Arbeit verweisen. Diese 
Theorien bemühen sich, die Motive des Spielens 
der Kinder zu erraten, ohne daß dabei der ökonomi- 
sche Gesichtspunkt, die Rücksicht auf Lustgewinn, 
in den Vordergrund gerückt würde. Ich habe, ohne 
das Ganze dieser Erscheinungen umfassen zu wollen, 
eine Gelegenheit ausgenützt, die sich mir bot, um 
das erste selbstgeschaffene Spiel eines Knaben im 
Alter von i7 a Jahren aufzuklären. Es war mehr als 
eine flüchtige Beobachtung, denn ich lebte durch 
einige Wochen mit dem Kinde und dessen Eltern 
unter einem Dach, und es dauerte ziemlich lange, 



Jenseits des Lustprinsips 13 



bis das rätselhafte und andauernd wiederholte Tun 
mir seinen Sinn verriet. 

Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung 
keineswegs voreilig, es sprach mit iVj Jahren erst 
wenige verständliche Worte und verfügte außerdem 
über mehrere bedeutungsvolle Laute, die von der Um- 
gebung verstanden wurden. Aber es war in gutem 
Rapport mit den Eltern und dem einzigen Dienst- 
mädchen und wurde wegen seines „anständigen" Charak- 
ters gelobt. Es störte die Eltern nicht zur Nachtzeit, 
befolgte gewissenhaft die Verbote, manche Gegen- 
stände zu berühren und in gewisse Räume zu gehen, 
und vor allem anderen, es weinte nie, wenn die Mutter 
es für Stunden verließ, obwohl es dieser Mutter zärtlich 
anhing, die das Kind nicht nur selbst genährt, sondern 
auch ohne jede fremde Beihilfe gepflegt und betreut 
hatte. Dieses brave Kind zeigte nun die gelegentlich 
störende Gewohnheit, alle kleinen Gegenstände, deren 
es habhaft wurde, weit weg von sich in eine Zimmer- 
ecke unter ein Bett usw. zu schleudern, so daß das 
Zusammensuchen seines Spielzeugs oft keine leichte 
Arbeit war. Dabei brachte es mit dem Ausdruck von 
Interesse und Befriedigung ein lautes, langgezogenes 

— o — o hervor, das nach dem übereinstimmenden 

Urteil der Mutter und des Beobachters keine Inter- 
jektion war, sondern „Fort" bedeutete. Ich merkte 
endlich, daß das ein Spiel sei, und daß das Kind alle 
seine Spielsachen nur dazu benütze, mit ihnen „fort- 



% 






14 



SigPi. Freud 



sein" zu spielen. Eines Tages machte ich dann die 
Beobachtung, die meine Auffassung bestätigte. Das 
Kind hatte eine Holzspule, die mit einem Bindfaden 
umwickelt war. Es fiel ihm nie ein, sie z. B. am 
Boden hinter sich herzuziehen, also Wagen mit ihr zu 
spielen, sondern es warf die am Faden gehaltene 
Spule mit großem Geschick über den Rand seines 
verhängten Bettchens, so daß sie darin verschwand, 
sagte dazu sein bedeutungsvolles o — o — o — o und 
zog dann die Spule am Faden wieder aus dem Bett 
heraus, begrüßte aber deren Erscheinen jetzt mit einem 
freudigen „Da". Das war also das komplette Spiel, 
Verschwinden und Wiederkommen, wovon man zu- 
meist nur den ersten Akt zu sehen bekam, und dieser 
wurde für sich allein unermüdlich als Spiel wiederholt, 
obwohl die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten 
Akt anhing.' 

Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war 
im Zusammenhang mit der großen kulturellen Leistung 
des Kindes, mit dem von ihm zustande gebrachten 



i) Diese Deutung- wurde dann durch eine weitere Beob- 
achtung völlig gesichert. Als eines Tages die Mutter über viele 
Stunden abwesend gewesen war, wurde sie beim Wiederkommen 
mit der Mitteilung begrüßt: Bebi o— o— o— o!, die zunächst un- 
verständlich blieb. Es ergab sich aber bald, daß das Kind während 
dieses langen Alleinseins ein Mittel gefunden hatte, sich selbst 
verschwinden zu lassen. Es hatte sein Bild in dem fast bis zum 
Boden reichenden Standspiegel entdeckt und sich dann nieder- 
gekauert, so daß das Spiegelbild „fort" war. 



Jenseits des Lustprinzips 15 



Triebverzicht (Verzicht auf Triebbefriedigung), das Fort- 
gehen der Mutter ohne Sträuben zu gestatten. Es 
entschädigte sich gleichsam dafür, indem es dasselbe 
Verschwinden und Wiederkommen mit den ihm er- 
reichbaren Gegenständen selbst in Szene setzte. Für 
die affektive Einschätzung dieses Spieles ist es natürlich 
gleichgültig, ob das Kind es selbst erfunden oder sich 
infolge einer Anregung zu eigen gemacht, hatte. Unser 
Interesse wird sich einem anderen Punkte zuwenden. 
Das Fortgehen der Mutter kann dem Kinde unmöglich 
angenehm oder auch nur gleichgültig gewesen sein. 
Wie stimmt es also zum Lustprinzip, daß es dieses 
ihm peinliche Erlebnis als Spiel wiederholt? Man wird 
vielleicht antworten wollen, das Fortgehen müßte als 
Vorbedingung des erfreulichen Wiedererscheinens ge- 
spielt werden, im letzteren sei die eigentliche Spiel- 
absicht gelegen. Dem würde die Beobachtung wider- 
sprechen, daß der erste Akt, das Fortgehen, für sich 
allein als Spiel inszeniert wurde, und zwar ungleich 
häufiger als das zum lustvollen Ende fortgeführte Ganze. 
Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergibt 
keine sichere Entscheidung; bei unbefangener Betrach- 
tung gewinnt man den Eindruck, daß das Kind das 
Erlebnis aus einem anderen Motiv zum Spiel gemacht 
hat. Es war dabei passiv, wurde vom Erlebnis be- 
troffen und bringt sich nun in eine aktive Rolle, 
indem es dasselbe, trotzdem es unlustvoll war, als 
Spiel wiederholt. Dieses Bestreben könnte man einem 





i6 Sigm. Freud 

Bemächtigungstrieb zurechnen, der sich davon un- 
abhängig macht, ob die Erinnerung an sich lustvoll 
war oder nicht. Man kann aber auch eine andere 
Deutung versuchen. Das Wegwerfen des Gegenstandes, 
so daß er fort ist, könnte die Befriedigung eines im 
Leben unterdrückten Racheimpulses gegen die Mutter 
sein, weil sie vom Kinde fortgegangen ist, und dann 
die trotzige Bedeutung haben: Ja, geh' nur fort, ich 
brauch' dich nicht, ich schick' dich selber weg. Das- 
selbe Kind, das ich mit i7 a Jahren bei seinem ersten 
Spiel beobachtete, pflegte ein Jahr später ein Spiel- 
zeug, über das es sich geärgert hatte, auf den Boden 
zu werfen und dabei zu sagen: Geh' in K(r)ieg! 
Man hatte ihm damals erzählt, der abwesende Vater 
befinde sich im Krieg, und es vermißte den Vater 
gar nicht, sondern gab die deutlichsten Anzeichen von 
sich, daß es im Alleinbesitz der Mutter nicht gestört 
werden wolle 1 . Wir wissen auch von anderen Kindern, 
daß sie ähnliche feindselige Regungen durch das Weg- 
schleudern von Gegenständen an Stelle der Personen 
auszudrücken vermögen 2 . Man gerät so in Zweifel, ob 
der Drang, etwas Eindrucksvolles psychisch zu ver- 

i) Als das Kind 5'/, Jahre alt war, starb die Mutter.Jefcct, 
da sie wirklich „fort" (0-0-0) war, zeigte der Knabe keine 
Iraner um sie. Allerdings war inzwischen ein zweites Kind ge- 
boren worden, das seine stärkste Eifersucht erweckt hatte. 

2) Vgl. Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahr- 
heit". Imago, V/4, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 
IV. Folge. 






yenseits des Lustprinzips 17 

arbeiten, sich seiner voll zu bemächtigen, sich primär 
und unabhängig vom Lustprinzip äußern kann. Im hier 
diskutierten Falle könnte er einen unangenehmen Ein- 
druck doch nur darum im Spiel wiederholen, weil 
mit dieser Wiederholung ein andersartiger, aber direkter 
Lustgewinn verbunden ist. 

Auch die weitere Verfolgung des Kinderspiels hilft 
diesem unserem Schwanken zwischen zwei Auffassungen 
nicht ab. Man sieht, daß die Kinder alles im Spiele 
wiederholen, was ihnen im Leben großen Eindruck 
gemacht hat, daß sie dabei die Stärke des Eindruckes 
abreagieren und sich sozusagen zu Herren der Situation 
machen. Aber anderseits ist es klar genug, daß all 
ihr Spielen unter dem Einflüsse des Wunsches steht, 
der diese ihre Zeit dominiert, des Wunsches : groß zu 
sein und so tun zu können wie die Großen. Man macht 
auch die Beobachtung, daß der Unlustcharakter des Erleb- 
nisses es nicht immer für das Spiel unbrauchbar macht. 
Wenn der Doktor dem Kinde in den Hals geschaut oder 
eine kleine Operation an ihm ausgeführt hat, so wird 
dies erschreckende Erlebnis ganz gewiß zum Inhalt des 
nächsten Spieles werden, aber der Lustgewinn aus 
anderer Quelle ist dabei nicht zu übersehen. Indem das 
Kind aus der Passivität des Erlebens in die Aktivität 
des Spielens übergeht, fügt es einem Spielgefährten 
das Unangenehme zu, das ihm selbst widerfahren 
war, und rächt sich so an der Person dieses Stellver- 
treters. 

Freud : Jenseits des Lustprinxips 2 



i b SlgM. Freud 



Aus diesen Erörterungen geht immerhin hervor, 
daß die Annahme eines besonderen Nachahmungs- 
triebes als Motiv des Spielens überflüssig ist. Schließen 
wir noch die Mahnungen an, daß das künstlerische 
Spielen und Nachahmen der Erwachsenen, das zum 
Unterschied vom Verhalten des Kindes auf die Person 
des Zuschauers zielt, diesem die schmerzlichsten Ein- 
drücke z. B. in der Tragödie nicht erspart und doch 
von ihm als hoher Genuß empfunden werden kann. 
Wir werden so davon überzeugt, daß es auch unter 
der Herrschaft des Lustprinzips Mittel und Wege genug 
gibt, um das an sich Unlustvolle zum Gegenstand der 
Erinnerung und seelischen Bearbeitung zu machen. Mag 
sich mit diesen, in endlichen Lustgewinn auslaufenden 
Fällen und Situationen eine ökonomisch gerichtete 
Aesthetik befassen ; für unsere Absichten leisten sie 
nichts, denn sie setzen Existenz und Herrschaft des 
Lustprinzips voraus und zeugen nicht für die Wirk- 
samkeit von Tendenzen jenseits des Lustprinzips, das 
heißt solcher, die ursprünglicher als dies und von ihm 
unabhängig wären. 



III. 

Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es 
mit sich gebracht, daß die nächsten Ziele der psycho- 
analytischen Technik heute ganz andere sind als zu 
Anfang. Zuerst konnte der analysierende Arzt nichts 
anderes anstreben, als das dem Kranken verborgene 
Unbewußte zu erraten, zusammenzusetzen und zur 
rechten Zeit mitzutetfen. Die Psychoanalyse war vor 
allem eine Deutungskunst. Da die therapeutische Auf- 
gabe dadurch nicht gelöst war, trat sofort die nächste 
Absicht auf, den Kranken zur Bestätigung der Kon- 
struktion durch seine eigene Erinnerung zu nötigen. 
Bei diesem Bemühen fiel das Hauptgewicht auf die 
Widerstände des Kranken ; die Kunst war jetzt, diese 
baldigst aufzudecken, dem Kranken zu zeigen und ihn 
durch menschliche Beeinflussung (hier die Stelle für 
die als „Uebertragung" wirkende Suggestion) zum 
Aufgeben der Widerstände zu bewegen. 

Dann aber wurde es immer deutlicher, daß das 
gesteckte Ziel, die Bewußtwerdung des Unbewußten, 



'.0 Sigm. Freud 



auch auf diesem Wege nicht voll erreichbar ist. Der 
Kranke kann von dem in ihm Verdrängten nicht alles 
erinnern, vielleicht gerade das Wesentliche nicht, und 
erwirbt so keine Überzeugung von der Richtigkeit 
der ihm mitgeteilten Konstruktion. Er ist vielmehr 
genötigt, das Verdrängte als gegenwärtiges Erlebnis zu 
wiederholen, anstatt es, wie der Arzt es lieber 
sähe, als ein Stück der Vergangenheit zu erinnern.' 
Diese mit unerwünschter Treue auftretende Reproduk- 
tion hat immer ein Stück des infantilen Sexuallebens, 
also des Ödipuskomplexes und seiner Ausläufer, zum 
Inhalt und spielt sich regelmäßig auf dem Gebiete der 
Übertragung, d. h. der Beziehung zum Arzt ab. Hat 
man es in der Behandlung so weit gebracht, so kann 
man sagen, die frühere Neurose sei nun durch eine 
frische Übertragungsneurose ersetzt. Der Arzt hat sich 
bemüht, den Bereich dieser Übertragungsneurose mög- 
lichst einzuschränken, möglichst viel in die Erinnerung 
zu drängen und möglichst wenig zur Wiederholung 
zuzulassen. Das Verhältnis, das sich zwischen Erinnerung 
und Reproduktion herstellt, ist für jeden Fall ein 
anderes. In der Regel kann der Arzt dem Analysierten 
diese Phase der Kur nicht ersparen; er muß ihn ein 
gewisses Stück seines vergessenen Lebens wieder- 
erleben lassen und hat dafür zu sorgen, daß ein Maß 

i) S. Zur Technik der Psychoanalyse II. Erinnern, Wieder- 
holen und Durcharbeiten. Sammlung kleiner Schriften zur Neu- 
rosenlehre, IV. Folge, S. 441, 191 8. 






? 



Jenseits des Lustprinzips 2 i 



von Überlegenheit erhalten bleibt, kraft dessen die 
anscheinende Realität doch immer wieder als Spiegelung 
einer vergessenen Vergangenheit erkannt wird. Gelingt 
dies, so ist die Überzeugung des Kranken und der 
von ihr 'abhängige therapeutische Erfolg gewonnen. 

Um diesen „W i e d e r h o 1 u n g s z w an g", der sich 
während der psychoanalytischen Behandlung der Neu- 
rotiker äußert, begreiflicher zu finden, muß man sich 
vor allem von dem Irrtum frei machen, man habe es 
bei der Bekämpfung der Widerstände mit dem Wider- 
stand des „Unbewußten 1 ' zu tun. Das Unbewußte, d. h. 
das „Verdrängte", leistet den Bemühungen der Kur 
überhaupt keinen Widerstand, es strebt ja selbst 
nichts anderes an, als gegen den auf ihm lastenden 
Druck zum Bewußtsein oder zur Abfuhr durch die 
reale Tat durchzudringen. Der Widerstand in der Kur 
geht von denselben höheren Schichten und Systemen 
des Seelenlebens aus, die seinerzeit die Verdrängung 
durchgeführt haben. Da aber die Motive der Wider- 
stände, ja diese selbst erfahrungsmäßig in der Kur 
zunächst unbewußt sind, werden wir gemahnt, eine 
Unzweckmäßigkeit unserer Ausdrucksweise zu verbes- 
sern. Wir entgehen der Unklarheit, wenn wir nicht das 
Bewußte und das Unbewußte, sondern das zusammen- 
hängende Ich und das Verdrängte in Gegensatz 
zueinander bringen. Vieles am Ich ist sicherlich selbst 
unbewußt, gerade das, was man den Kern des Ichs 
nennen darf; nur einen geringen Teil davon decken 






11 



Sigm. Freud 



wir mit dem Namen des V o r b e w u ß t e n. Nach dieser 
Ersetzung einer bloß deskriptiven Ausdrucksweise durch 
eine systematische oder dynamische können wir sagen, 
der Widerstand der Analysierten gehe von ihrem Ich 
aus, und dann erfassen wir sofort, der Wiederholungs- 
zwang ist dem unbewußten Verdrängten zuzuschreiben. 
Er konnte sich wahrscheinlich nicht eher äußern, als bis 
die entgegenkommende Arbeit der Kur die Verdrängung 
gelockert hatte'. 

Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des 
bewußten und vorbewußten Ichs im Dienste des Lust- 
pnnzips steht, er will ja die Unlust ersparen, die durch 
das Freiwerden des Verdrängten erregt würde, und 
unsere Bemühung geht dahin, solcher Unlust unter 
Berufung auf das Realitätsprinzip Zulassung zu erwirken. 
In welcher Beziehung zum Lustprinzip steht aber der 
Wiederholungszwang, die Kraftäußerung des Ver- 
drängten? Es ist klar, daß das meiste, was der Wieder- 
holungszwang wiedererleben läßt, dem Ich Unlust 
bringen muß, denn er fördert ja Leistungen verdrängter 
Tnebregungen zutage, aber das ist Unlust, die wir 
schon gewürdigt haben, die dem Lustprinzip nicht 
widerspricht, Unlust für das eine System und gleich- 
zeitig Befriedigung für das andere. Die neue und merk- 

SncJv ICh S f e T andCrer Stelle «»einander, daß es die 
tSTSS?Z^ ^ Kur iSt ' Wdche hier dem Wiederhalungs- 

ZTrLZte r r T' a ' SO diC tiCf im unbe -«^n Elternkomplex 
begründete Gefügigkeit gegen den Arzt. 



— ~ 



Jenseits des Lustprmzips 23 

würdige Tatsache aber, die wir jetzt zu beschreiben 
haben, ist, daß der Wiederholungszwang auch solche 
Erlebnisse der Vergangenheit wiederbringt, die keine 
Lustmöglichkeit enthalten, die auch damals nicht Be- 
friedigungen, selbst nicht von seither verdrängten Trieb- 
regungen, gewesen sein können. 

Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war 
infolge der Unverträglichkeit ihrer Wünsche mit der 
Realität und der Unzulänglichkeit der kindlichen Ent- 
wicklungsstufe zum Untergang bestimmt. Sie ging bei 
den peinlichsten Anlässen unter tief schmerzlichen 
Empfindungen zugrunde. Der Liebesverlust und das 
Mißlingen hinterließen eine dauernde Beeinträchtigung 
des Selbstgefühls als nazistische Narbe, nach meinen 
Erfahrungen wie nach den Ausführungen Marcinowski's' 
den stärksten Beitrag zu dem häufigen „Minderwertig- 
keitsgefühl" der Neurotiker. Die Sexualforschung, der 
durch die körperliche Entwicklung des Kindes Schranken 
cresetzt waren, brachte es zu keinem befriedigendem 
Abschluß; daher die spätere Klage: Ich kann nichts 
fertig bringen, mir kann nichts gelingen. Die zärtliche 
Bindung, meist an den gegengeschlechtlichen Eltern- 
teil, erlag der Enttäuschung, dem vergeblichen Warten 
auf Befriedigung, der Eifersucht bei der Geburt eines 
neuen Kindes, die unzweideutig die Untreue des oder 
der Geliebten erwies; der eigene mit tragischem Ernst 

1) Marcinowski, Die erotischen Quellen der Minderwertig- 
keitsgefühle. Zeitschrift für Sexualwissenschaft, IV., 191 8. 






24- 



Sigm, Freud 






I 



unternommene Versuch, selbst ein solches Kind zu 
schaffen, mißlang in beschämender Weise; die Abnahme 
der dem Kleinen gespendeten Zärtlichkeit, der gesteigerte 
Anspruch der Erziehung, ernste Worte und eine ge- 
legentliche Bestrafung hatten endlich den ganzen Umfang 
der ihm zugefallenen Verschmähung enthüllt. Es gibt 
hier einige wenige Typen, die regelmäßig wiederkehren, 
wie der typischen Liebe dieser Kinderzeit ein Ende 
gesetzt wird. 

Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerz- 
lichen Affektlagen werden nun vom Neurotiker in der 
Übertragung wiederholt und mit großem Geschick neu 
belebt. Sie streben den Abbruch der unvollendeten 
Kur an, sie wissen sich den Eindruck der Verschmähuno- 
wieder zu verschaffen, den Arzt zu harten Worten 
und kühlem Benehmen gegen sie zu nötigen, sie finden 
die geeigneten Objekte für ihre Eifersucht, sie ersetzen 
das heiß begehrte Kind der Urzeit durch den Vorsatz 
oder das Versprechen eines großen Geschenks, das meist 
ebensowenig real wird wie jenes. Nichts von alledem 
konnte damals lustbringend sein; man sollte meinen, es 
müßte heute die geringere Unlust bringen, wenn es als 
Erinnerung oder in Träumen auftauchte, als wenn es sich 
zum neuen Erlebnis gestaltete. Es handelt sich natürlich 
um die Aktion von Trieben, die zur Befriedigung führen 
sollten, allein die Erfahrung, daß sie anstatt dessen auch 
damals nur Unlust brachten, hat nichts gefruchtet. Sie 
wird trotzdem wiederholt; ein Zwang drängt dazu. 



'Jenseits des Liistprinzips 25 

Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Über- 
tragungsphänomenen der Neurotiker aufzeigt, kann man 
auch im Leben nicht neurotischer Personen wieder- 
finden. Es macht bei diesen den Eindruck eines sie 
verfolgenden Schicksals, eines dämonischen Zuges in 
ihrem Erleben, und die Psychoanalyse hat von Anfang 
an solches Schicksal für zum großen Teil selbstbereitet 
und durch frühinfantile Einflüsse determiniert gehalten. 
Der Zwang, der sich dabei äußert, ist vom Wieder- 
holungszwang der Neurotiker nicht verschieden, wenn- 
gleich diese Personen niemals die Zeichen eines durch 
Symptombildung erledigten neurotischen Konflikts ge- 
boten haben. So kennt man Personen, bei denen jede 
menschliche Beziehung den gleichen Ausgang nimmt: 
Wohltäter, die von jedem ihrer Schützlinge nach einiger 
Zeit im Groll verlassen werden, so verschieden diese 
sonst auch sein mögen, denen also bestimmt scheint, 
alle Bitterkeit des Undanks auszukosten; Männer, bei 
denen jede Freundschaft den Ausgang nimmt, daß der 
Freund sie verrät; andere, die es unbestimmt oft in 
ihrem Leben wiederholen, eine andere Person zur 
großen Autorität für sich oder auch für die Öffent- 
lichkeit zu erheben, und diese Autorität dann nach 
abgemessener Zeit selbst stürzen, um sie durch eine 
neue zu ersetzen; Liebende, bei denen jedes zärtliche 
Verhältnis zum Weibe dieselben Phasen durchmacht 
und zum gleichen Ende führt usw. Wir verwundern 
uns über diese ,, ewige Wiederkehr des Gleichen" nur 



26 Sigm. Freud 



wenig, wenn es sich um ein aktives Verhalten des 
Betreffenden handelt, und wenn wir dvn sich gleich- 
bleibenden Charakterzug seines Wesens auflinden, der 
sich in der Wiederholung der nämlichen Erlebnisse 
äußern muß. Weit stärker wirken jene Fälle auf uns, 
bei denen die Person etwas passiv zu erleben scheint, 
worauf ihr ein Einfluß nicht zusteht, während sie doch 
immer nur die Wiederholung desselben Schicksals 
erlebt. Man denke z. B. an die Geschichte jener Frau, 
die dreimal nacheinander Männer heiratete, die nach 
kurzer Zeit erkrankten und von ihr zu Tode gepflegt 
werden mußten.' Die ergreifendste poetische Darstellung 
eines solchen Schicksalszuges hat Tasso im romanti- 
schen Epos „Gerusalemme über ata" gegeben. Meld 
Tankred hat unwissentlich die von ihm geliebte Clorinda 
getötet, als sie in der Rüstung eines feindlichen Ritters 
mit ihm kämpfte. Nach ihrem Begräbnis dringt er in 
den unheimlichen Zauberwald ein, der das Heer der 
Kreuzfahrer schreckt. Dort zerhaut er einen hohen 
Baum mit seinem Schwerte, aber aus der Wunde des 
Baumes strömt Blut und die Stimme Clorindas, deren 
Seele in diesen Baum gebannt war, klagt ihn an, daß 
er wiederum die Geliebte geschädigt habe. 

Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Ver- 
halten in der Übertragung und aus dem Schicksal der 

i) Vgl. hiezu die treffenden Bemerkungen in dem Aufzatz 
von C. G. Jung. Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des 
Einzelnen. Jahrbuch für Psychoanalyse, 1, 1909. 



'Jenseits des Lustprinzips 



27 



Menschen werden wir den Mut zur Annahme finden, 
daß es im Seelenleben wirklich einen Wiederholungs- 
zwang gibt, der sich über das Lustprinzip hinaussetzt. 
Wir werden auch jetzt geneigt sein, die Träume der 
Unfallsneurotiker und den Antrieb zum Spiel des Kindes 
auf diesen Zwang zu beziehen. Allerdings müssen wir 
uns sagen, daß wir die Wirkungen des Wiederholungs- 
zwanges nur in seltenen Fällen rein, ohne Mithilfe 
anderer Motive, erfassen können. Beim Kinderspiel 
haben wir bereits hervorgehoben, welche andere 
Deutungen seine Entstehung zuläßt. Wiederholungs- 
zwang und direkte lustvolle Triebbefriedigung scheinen 
sich dabei zu intimer Gemeinsamkeit zu verschränken. 
Die Phänomene der Übertragung stehen offenkundig 
im Dienste des Widerstandes von seiten des auf der 
Verdrängung beharrenden Ichs; der Wiederholungs- 
zwang, den sich die Kur dienstbar machen wollte, 
wird gleichsam vom Ich, das am Lustprinzip fest- 
halten will, auf seine Seite gezogen. An dem, was 
man den Schicksalszwang nennen könnte, scheint uns 
vieles durch die rationelle Erwägung verständlich, so 
daß man ein Bedürfnis nach der Aufstellung eines 
neuen geheimnisvollen Motivs nicht verspürt. Am un- 
verdächtigsten ist vielleicht der Fall der Unfallsträume, 
aber bei näherer Überlegung muß man doch zuge- 
stehen, daß auch in den anderen Beispielen der Sach- 
verhalt durch die Leistung der uns bekannten Motive 
nicht gedeckt wird. Es bleibt genug übrig, was die 



28 



Sigm. Freud 



Annahme des Wiederholungszwanges rechtfertigt, und 
dieser erscheint uns ursprünglicher, elementarer, trieb- 
hafter als das von ihm zur Seite geschobene Lust- 
prinzip. Wenn es aber einen solchen Wiederholungs- 
zwang im Seelischen gibt, so möchten wir gerne etwas 
darüber wissen, welcher Funktion er entspricht, unter 
welchen Bedingungen er hervortreten kann, und in 
welcher Beziehung er zum Lustprinzip steht, dem wir 
doch bisher die Herrschaft über den Ablauf der Er- 
regungsvorgänge im Seelenleben zugetraut haben. 






IV. 

Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende 
Spekulation, die ein jeder nach seiner besonderen Ein- 
stellung würdigen oder vernachlässigen wird. Im weiteren 
ein Versuch zur konsequenten Ausbeutung einer Idee, 
aus Neugierde, wohin dies führen wird. 

Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den 
bei der Untersuchung unbewußter Vorgänge empfangenen 
Eindruck an, daß das Bewußtsein nicht der allgemeinste 
Charakter der seelischen Vorgänge, sondern nur eine 
besondere Funktion derselben sein könne. In meta- 
psychologischer Ausdrucksweise behauptet sie, das 
Bewußtsein sei die Leistung eines besonderen Systems, 
das sie Bw. benennt. Da das Bewußtsein im wesent- 
lichen Wahrnehmungen von Erregungen liefert, die aus 
der Außenwelt kommen, und Empfindungen von Lust 
und Unlust, die nur aus dem Inneren des seelischen 
Apparates stammen können, kann dem System W-Bw. 
eine räumliche Stellung zugewiesen werden. Es muß 
an der Grenze von außen und innen liegen, der Außen- 
welt zugekehrt sein und die anderen psychischen Systeme 






3° * Sigm. Freud 



umhüllen. Wir bemerken dann, daß wir mit diesen 
Annahmen nichts Neues gewagt, sondern uns der lokali- 
sierenden Hirnanatomie angeschlossen haben, welche 
den „Sitz" des Bewußtseins in die Hirnrinde, in die 
äußerste, umhüllende Schicht des Zentralorgans verlegt. 
Die Hirnanatomie braucht sich keine Gedanken darüber 
zu machen, warum anatomisch gesprochen — das 

Bewußtsein gerade an der Oberfläche des Gehirns 
untergebracht ist, anstatt wohlverwahrt irgendwo im 
innersten Innern desselben zu hausen. Vielleicht bringen 
wir es in der Ableitung einer solchen Lage für unser 
System W-Bw. weiter. 

Das Bewußtsein ist nicht die einzige Eigentüm- 
lichkeit, die wir den Vorgängen in diesem System . 
zuschreiben. Wir stützen uns auf die Eindrücke unserer 
psychoanalytischen Erfahrung, wenn wir annehmen, 
daß alle Erregungsvorgänge in den anderen Systemen 
Dauerspuren als Grundlage des Gedächtnisses in diesen 
hinterlassen, Erinnerungsreste also, die nichts mit dem 
Bewußtwerden zu tun haben. Sie sind oft am stärksten 
und haltbarsten, wenn der sie zurücklassende Vorgang 
niemals zum Bewußtsein gekommen ist. Wir finden 
es aber beschwerlich zu glauben, daß solche Dauer- 
spuren der Erregung auch im System W-Bw. zustande 
kommen. Sie würden die Eignung des Systems zur 
Aufnahm e neuer Err egungen sehr bald einschränken,' 

i) Dies durchaus nach J. Breuer's Auseinandersetzung im 
theoretischen Abschnitt der „Studien über Hysterie", 1895. 



Jenseits des Lustprinzips 



wenn sie immer bewußt blieben; im anderen Falle, 
wenn sie unbewußt würden, stellten sie uns vor die 
Aufgabe, die Existenz unbewußter Vorgänge in einem 
System zu erklären, dessen Funktionieren sonst vom 
Phänomen des Bewußtseins begleitet wird. Wir hätten 
sozusagen durch unsere Annahme, welche das Bewußt- 
werden in ein besonderes System verweist, nichts 
verändert und nichts gewonnen. Wenn dies auch keine 
absolut verbindliche Erwägung sein mag, so kann sie 
uns doch zur Vermutung bewegen, daß Bewußtwerden 
und Hinterlassung einer Gedächtnisspur für dasselbe 
System miteinander unverträglich sind. Wir würden so 
sagen können, im System Bw. werde der Erregungs- 
vorgang bewußt, hinterlasse aber keine Dauerspur; 
alle die Spuren desselben, auf welche sich die Erinnerung 
stützt, kämen bei der Fortpflanzung der Erregung auf 
die nächsten inneren Systeme in diesen zustande. Tn 
diesem Sinne ist auch das Schema entworfen, welches 
ich dem spekulativen Abschnitt meiner „Traumdeutung 



k 



1900 eingefügt habe. Wenn man bedenkt, wie wenig 
wir aus anderen Quellen über die Entstehung des 
Bewußtseins wissen, wird man dem Satze, das Be- 
wußtsein entstehe an Stelle der Erinnerungs- 
spur, wenigstens die Bedeutung einer irgendwie be- 
stimmten Behauptung einräumen müssen. 

Das System Bw. wäre also durch die Besonderheit 
ausgezeichnet, daß der Erregungsvorgang in ihm nicht 
wie in allen anderen psychischen Systemen eine dauernde 






3 2 Sig)n. Freud 



Veränderung seiner Elemente hinterläßt, sondern gleich- 
sam im Phänomen des Bewußtwerdens verpufft. Eine 
solche Abweichung von der allgemeinen Regel fordert 
eine Erklärung durch ein Moment, welches ausschließ- 
lich bei diesem einen System in Betracht kommt, und 
dies den anderen Systemen abzusprechende Moment 
könnte leicht die exponierte Lage des Systems Bw. 
sein, sein unmittelbares Anstoßen an die Außenwelt. 
Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner 
größtmöglichen Vereinfachung als undifferenziertes 
Bläschen reizbarer Substanz vor; dann ist seine der 
Außenwelt zugekehrte Oberfläche durch ihre Lage 
selbst differenziert und dient als reizaufnehmendes Organ. 
Die Embryologie als Wiederholung der Entwicklungs- 
geschichte zeigt auch wirklich, daß das Zentralnerven- 
system aus dem Ektoderm hervorgeht, und die graue 
Hirnrinde ist noch immer ein Abkömmling der primitiven 
Oberfläche und könnte wesentliche Eigenschaften der- 
selben durch Erbschaft übernommen haben. Es wäre 
dann leicht denkbar, daß durch unausgesetzten Anprall 
der äußeren Reize an die Oberfläche des Bläschens 
dessen Substanz bis in eine gewisse Tiefe dauernd 
verändert wird, so daß ihr Erregungsvorgang anders 
abläuft als in tieferen Schichten. Es bildete sich so 
eine Rinde, die endlich durch die Reizwirkung so durch- 
gebrannt ist, daß sie der Reizaufnahme die günstigsten 
Verhältnisse entgegenbringt und einer weiteren Modifika- 
tion nicht fähig ist. Auf das System Bw. übertragen, 






yenseits des Lustprinzips 33 



würde dies meinen, daß dessen Elemente keine Dauer- 
veränderung beim Durchgang der Erregung mehr an- 
nehmen können, weil sie bereits aufs äußerste im 
Sinne dieser Wirkung modifiziert sind. Dann sind sie 
aber befähigt, das Bewußtsein entstehen zu lassen. 
Worin diese Modifikation der Substanz und des Er- 
regungsvorganges in ihr besteht, darüber kann man 
sich mancherlei Vorstellungen machen, die sich der 
Prüfung derzeit entziehen. Man kann annehmen, die 
Erregung habe bei ihrem Fortgang von einem Element 
zum anderen einen Widerstand zu überwinden und 
diese Verringerung des Widerstandes setze eben die 
Dauerspur der Erregung (Bahnung)- im System Bw. 
bestünde also ein solcher Übergangs widerstand von 
einem Element zum anderen nicht mehr. Man kann 
mit dieser Vorstellung die Breuer'sche Unterscheidung 
von ruhender (gebundener) uud frei beweglicher Be- 
setzungsenergie in den Elementen der psychischen 
Systeme zusammenbringen; 1 die Elemente des Systems 
Bw. würden dann keine gebundene und nur frei 
abfuhrfähige Energie führen. Aber ich meine, vor- 
läufig ist es besser, wenn man sich über diese Ver- 
hältnisse möglichst unbestimmt äußert. Immerhin hätten 
wir durch diese Spekulationen die Entstehung des 
Bewußtseins in einen gewissen Zusammenhang mit 
der Lage des Systems Bw. und den ihm zuzu- 

1) Studien über Hysterie von J. Breuer und Freud, 4. un- 
veränderte Auflage, 1922. 

Freud : Jenseits des Lustprineips 3 






I 



34 Sigfß. Freud 



schreibenden Besonderheiten des Erregungsvorganges 
verflochten. 

An dem lebenden Bläschen mit seiner reizauf- 
nehmenden Rindenschichte haben wir noch anderes zu 
erörtern. Dieses Stückchen lebender Substanz schwebt 
inmitten einer mit den stärksten Energien geladenen 
Außenwelt und würde von den Reiz Wirkungen der- 
selben erschlagen werden, wenn es nicht mit einem 
Reizschutz versehen wäre. Es bekommt ihn dadurch, 
daß seine äußerste Oberfläche die dem Lebenden zu- 
kommende Struktur aufgibt, gewissermaßen anorganisch 
wird und nun als eine besondere Hülle oder Membran 
reizabhaltend wirkt, das heißt, veranlaßt, daß die 
Energien der Außenwelt sich nur mit einem Bruchteil 
ihrer Intensität auf die nächsten lebend gebliebenen 
Schichten fortsetzen können. Diese können nun hinter 
dem Reizschutz sich der Aufnahme der durchgelassenen 
Reizmengen widmen. Die Außenschicht hat aber durch 
ihr Absterben alle tieferen vor dem gleichen Schicksal 
bewahrt, wenigstens so lange, bis nicht Reize von 
solcher Stärke herankommen, daß sie den Reizschutz 
durchbrechen. Für den lebenden Organismus ist der 
Reizschutz eine beinahe wichtigere Aufgabe als die 
Reizaufnahme; er ist mit einem eigenen Energievorrat 
ausgestattet und muß vor allem bestrebt sein, die 
besonderen Formen der Energieumsetzung, die in ihm 
spielen, vor dem gleichmachenden, also zerstörenden 
Einfluß der übergroßen, draußen arbeitenden Energien 



Jenseits des Lustprinzips 



35 



zu bewahren. Die Reizaufnahme dient vor allem der 
Absicht, Richtung und Art der äußeren Reize zu er- 
fahren, und dazu muß es genügen, der Außenwelt 
kleine Proben zu entnehmen, sie in geringen Quantitäten 
zu verkosten. Bei den hochentwickelten Organismen 
hat sich die reizaufnehmende Rindenschicht des einstigen 
Bläschens längst in die Tiefe des Körperinnern zurück- 
gezogen, aber Anteile von ihr sind an der Oberfläche 
unmittelbar unter dem allgemeinen Reizschutz zurück- 
gelassen. Dies sind die Sinnesorgane, die im wesent- 
lichen Einrichtungen zur Aufnahme spezifischer Reiz- 
einwirkungen enthalten, aber außerdem besondere 
Vorrichtungen zu neuerlichem Schutz gegen übergroße 
Reizmengen und zur Abhaltung unangemessener Reiz- 
arten. Es ist für sie charakteristisch, daß sie nur sehr 
geringe Quantitäten des äußeren Reizes verarbeiten, 
sie nehmen nur Stichproben der Außenwelt vor; viel- 
leicht darf man sie Fühlern vergleichen, die sich an 
die Außenwelt herantasten und dann immer wieder 
von ihr zurückziehen. 

Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig 
zu berühren, welches die gründlichste Behandlung 
verdienen würde. Der Kant'sche Satz, daß Zeit und 
Raum notwendige Formen unseres Denkens sind, kann 
heute infolge gewisser psychoanalytischer Erkenntnisse 
einer Diskussion unterzogen werden. Wir haben erfahren, 
daß die unbewußten Seelenvorgänge an sich „zeitlos" 
sind. Das heißt zunächst, daß sie nicht zeitlich geordnet 



36 Sig?n. Freud 



werden, daß die Zeit nichts an ihnen verändert, daß 
man die Zeitvorstellung nicht an sie heranbringen kann. 
Es sind dies negative Charaktere, die man sich nur 
durch Vergleichung mit den bewußten seelischen Pro- 
zessen deutlich machen kann. Unsere abstrakte Zeit- 
vorstellung scheint vielmehr durchaus von der Arbeits- 
weise des Systems W-Bw. hergeholt zu sein und einer 
Selbstwahrnehmung derselben zu entsprechen. Bei dieser 
Funktionsweise des Systems dürfte ein anderer Weg 
des Reizschutzes beschritten werden. Ich weiß, daß 
diese Behauptungen sehr dunkel klingen, muß mich 
aber auf solche Andeutungen beschränken. 

Wir haben bisher ausgeführt, daß das lebende 
Bläschen mit einem Reizschutz gegen die Außenwelt 
ausgestattet ist. Vorhin hatten wir festgelegt, daß die 
nächste Rindenschicht desselben als Organ zur Reiz- 
aufnahme von außen differenziert sein muß. Diese 
empfindliche Rindenschicht, das spätere System Bw. 
empfängt aber auch Erregungen von innen her- die 
Stellung des Systems zwischen außen und innen und 
die Verschiedenheit der Bedingungen für die Einwirkung 
von der einen und der anderen Seite werden maß- 
gebend für die Leistung des Systems und des ganzen 
seelischen Apparates. Gegen außen gibt es einen Reiz- 
schutz, die ankommenden Erregungsgrößen werden nur 
in verkleinertem Maßstab wirken; nach innen zu ist 
ein Reizschutz unmöglich, die Erregungen der tieferen 
Schichten setzen sich direkt und in unverringertem 









ye?iseits des Lustprinzips 37 

Maße auf das System fort, indem gewisse Charaktere 
ihres Ablaufes die Reihe der Lust-Unlustempfindungen 
erzeugen. Allerdings werden die von innen kommenden 
Erregungen nach ihrer Intensität und nach anderen 
qualitativen Charakteren (eventuell nach ihrer Amplitude) 
der Arbeitsweise des Systems adaequater sein als die 
von der Außenwelt zuströmenden Reize. Aber zweierlei 
ist durch diese Verhältnisse entscheidend bestimmt, 
erstens die Praevalenz der Lust- und Unlustempfin- 
dungen, die ein Index für Vorgänge im Innern des 
Apparates sind, über alle äußeren Reize, und zweitens 
eine Richtung des Verhaltens gegen solche innere Er- 
regungen, welche allzu große Unlust Vermehrung herbei- 
führen. Es wird sich die Neigung ergeben, sie so zu 
behandeln, als ob sie nicht von innen, sondern von 
außen her einwirkten, um die Abwehrmittel des Reiz- 
schutzes gegen sie in Anwendung bringen zu können. 
Dies ist die Herkunft der Projektion, der eine so 
große Rolle bei der Verursachung pathologischer Pro- 
zesse vorbehalten ist. 

Ich habe den Eindruck, daß wir durch die letzten 
Überlegungen die Herrschaft des Lustprinzips unserem 
Verständnis angenähert haben; eine Aufklärung jener 
Fälle, die sich ihm widersetzen, haben wir aber nicht 
erreicht. Gehen wir darum einen Schritt weiter. Solche 
Erregungen von außen, die stark genug sind, den 
Reizschutz zu durchbrechen, heißen wir traumatische. 
Ich glaube, daß der Begriff des Traumas eine solche 



j 






38 



Sigm, Freud 



Beziehung auf eine sonst wirksame Reizabhaltung er- 
fordert. Ein Vorkommnis wie das äußere Trauma wird 
gewiß eine großartige Störung im Energiebetrieb des 
Organismus hervorrufen und alle Abwehrmittel in Be- 
wegung setzen. Aber das Lustprinzip ist dabei zunächst 
außer Kraft gesetzt. Die Überschwemmung des seeli- 
schen Apparates mit großen Reizmengen ist nicht mehr 
hintanzuhalten; es ergibt sich vielmehr eine andere 
Aufgabe, den Reiz zu bewältigen, die hereingebrochenen 
Reizmengen psychisch zu binden, um sie dann der 
Erledigung zuzuführen. 

Wahrscheinlich ist die spezifische Unlust des 
körperlichen Schmerzes der Erfolg davon, daß der 
Reizschutz in beschränktem Umfange durchbrochen 
wurde. Von dieser Stelle der Peripherie strömen dann 
dem seelischen Zentralapparat kontinuierliche Erre- 
gungen zu, wie sie sonst nur aus dem Innern des 
Apparates kommen konnten". Und was können wir als 
die Reaktion des Seelenlebens auf diesen Einbruch 
erwarten? Von allen Seiten her wird die Besetzungs- 
energie aufgeboten, um in der Umgebung der Ein- 
bruchstelle entsprechend hohe Energiebesetzungen zu 
schaffen. Es wird eine großartige „Gegenbesetzung 11 
hergestellt, zu deren Gunsten alle anderen psychischen 
Systeme verarmen, so daß eine ausgedehnte Lähmung 
oder Herab setzung der sonstigen psychischen Leistung 

Vgl. Triebe und Triebschicksale. Sammlung kleiner 
Schriften zur Neuso-senlehre, IV, 191 8. 












Jenseits des Lustprinzips 39 

erfolgt. Wir suchen aus solchen Beispielen zu lernen, 
unsere metapsychologischen Vermutungen an solche 
Vorbilder anzulehnen. Wir ziehen also aus diesem 
Verhalten den Schluß, daß ein selbst hochbesetztes 
System imstande ist, neu hinzukommende strömende 
Energie aufzunehmen, sie in ruhende Besetzung um- 
zuwandeln, also sie psychisch zu „binden". Je höher 
die eigene ruhende Besetzung ist, desto größer wäre 
auch ihre bindende Kraft; umgekehrt also, je niedriger 
seine Besetzung ist, desto weniger wird das System 
für die Aufnahme zuströmender Energie befähigt sein, 
desto gewaltsamer müssen dann die Folgen eines 
solchen Durchbruches des Reizschutzes sein. Man wird 
gegen diese Auffassung nicht mit Recht einwenden, 
daß die Erhöhung der Besetzungen um die Einbruchs- 
stelle sich weit einfacher aus der direkten Fortleitung 
der ankommenden Erregungsmengen erkläre. Wenn 
dem so wäre, so würde der seelische Apparat ja nur 
eine Vermehrung seiner Energiebesetzungen erfahren, 
und der lähmende Charakter des Schmerzes, die Ver- 
armung aller anderen Systeme bliebe unaufgeklärt. 
Auch die sehr heftigen Abfuhrwirkungen des Schmerzes 
stören unsere Erklärung nicht, denn sie gehen reflek- 
torisch vor sich, das heißt, sie erfolgen ohne Ver- 
mittlung des seelischen Apparats. Die Unbestimmtheit 
all unserer Erörterungen, die wir metapsychologische 
heißen, rührt natürlich daher, daß wir nichts über die 
Natur des Erregungsvorganges in den Elementen der 



4-0 Sigm. Freud 



psychischen Systeme wissen und uns zu keiner An- 
nahme darüber berechtigt fühlen. So operieren wir 
also stets mit einem großen X, welches wir in jede 
neue Formel mit hinübernehmen. Daß dieser Vorgang 
sich mit quantitativ verschiedenen Energien vollzieht, 
ist eine leicht zulässige Forderung, daß er auch mehr 
als eine Qualität (z. B. in der Art einer Amplitude) 
hat, mag uns wahrscheinlich sein; als neu haben wir 
die Aufstellung Breuer's in Betracht gezogen, daß 
es sich um zweierlei Formen der Energieerfüllung 
handelt, so daß eine freiströmende, nach Abfuhr 
drängende, und eine ruhende Besetzung der psychischen 
Systeme (oder ihrer Elemente) zu unterscheiden ist. 
Vielleicht geben wir der Vermutung Raum, daß die 
„Bindung" der in den seelischen Apparat einströmenden 
Energie in einer Überführung aus dem frei strömenden 
in den ruhenden Zustand besteht. 

Ich glaube, man darf den Versuch wagen, die 
gemeine traumatische Neurose als die Folge eines aus- 
giebigen Durchbruchs des Reizschutzes aufzufassen. 
Damit wäre die alte, naive Lehre vom Schock in ihre 
Rechte eingesetzt, anscheinend im Gegensatz zu einer 
späteren und psychologisch anspruchsvolleren, welche 
nicht der mechanischen Gewalteinwirkung, sondern dem 
Schreck und der Lebensbedrohung die ätiologische 
Bedeutung zuspricht. Allein diese Gegensätze sind 
nicht unversöhnlich, und die psychoanalytische Auf- 
fassung der traumatischen Neurose ist mit der rohesten 



=5= 



■ - ■ 



Jenseits des Lvstprinzips 41 

Form der Schocktheorie nicht identisch. Versetzt 
letztere das Wesen des Schocks in die direkte Schädigung 
der molekularen Struktur, oder selbst der histologischen 
Struktur der nervösen Elemente, so suchen wir dessen 
Wirkung aus der Durchbrechung des Reizschutzes für 
das Seelenorgan und aus den daraus sich ergebenden 
Aufgaben zu verstehen. Der Schreck behält seine Be- 
deutung auch für uns. Seine Bedingung ist das Fehlen 
der Angstbereitschaft, welche die Überbesetzung der den 
Reiz zunächt aufnehmenden Systeme mit einschließt. In- 
folge dieser niedrigeren Besetzung sind die Systeme 
dann nicht gut imstande, die ankommenden Erregungs- 
mengen zu binden, die Folgen der Durchbrechung 
des Reizschutzes stellen sich um so vieles leichter ein. 
Wir finden so, daß die Angstbereitschaft mit der 
Überbesetzung der aufnehmenden S} r steme die letzte 
Linie des Reizschutzes darstellt. Für eine ganze Anzahl 
von Traumen mag der Unterschied zwischen den un- 
vorbereiteten und den durch Überbesetzung vor- 
bereiteten Systemen das für den Ausgang entschei- 
dende Moment sein; von einer gewissen Stärke des 
Traumas an wird er wohl nicht mehr ins Gewicht 
fallen. Wenn die Träume der Unfallsneurotiker die 
Kranken so regelmäßig in die Situation des Unfalles 
zurückführen, so dienen sie damit allerdings nicht der 
Wunscherfüllung, deren halluzinatorische Herbeiführung 
ihnen unter der Herrschaft des Lustprinzips zur Funktion 
geworden ist. Aber wir dürfen annehmen, daß sie sich 



42 Sigm. Freud 



dadurch einer anderen Aufgabe zur Verfügung stellen, 
deren Lösung vorangehen muß, ehe das Lustprinzip 
seine Herrschaft beginnen kann. Diese Träume suchen 
die Reizbewältigung unter Angstentwicklung nachzu- 
holen, deren Unterlassung die Ursache der traumatischen 
Neurose geworden ist. Sie geben uns so einen Aus- 
blick auf eine Funktion des seelischen Apparats, welche, 
ohne dem Lustprinzip zu widersprechen, doch unab- 
hängig von ihm ist und ursprünglicher scheint als die 
Absicht des Lustgewinns und der Unlustvermeidung. 
Hier wäre also die Stelle, zuerst eine Ausnahme 
von dem Satze, der Traum ist eine .Wunscherfüllung, 
zuzugestehen. Die Angstträume sind keine solche Aus- 
nahme, wie ich wiederholt und eingehend gezeigt habe, 
auch die „Strafträume" nicht, denn diese setzen nur 
an die Stelle der verpönten Wunscherfüllung die dafür 
gebührende Strafe, sind also die Wunscherfüllung des 
auf den verworfenen Trieb reagierenden Schuldbewußt- 
seins. Aber die obenerwähnten Träume der Unfalls- 
neurotiker lassen sich nicht mehr unter den Gesichts- 
punkt der Wunscherfüllung bringen, und ebensowenig 
die in den Psychoanalysen vorfallenden Träume, die" uns 
die Erinnerung der psychischen Traumen der Kindheit 
wiederbringen. Sie gehorchen vielmehr dem Wieder- 
holungszwang, der in der Analyse allerdings durch den 
von der „Suggestion" geförderten Wunsch, das Ver- 
gessene und Verdrängte heraufzubeschwören, unterstützt 
wird. So wäre also auch die Funktion des Traumes, 






'Jenseits des Lustprinzips 



43 



Motive zur Unterbrechung des Schlafes durch Wunsch- 
erfüllung der störenden Regungen zu beseitigen, nicht 
seine ursprüngliche; er konnte sich ihrer erst bemächtigen, 
nachdem das gesamte Seelenleben die Herrschaft des 
Lustprinzips angenommen hatte. Gibt es ein ,, Jenseits 
des Lustprinzips", so ist es folgerichtig, auch für die 
wunscherfüllende Tendenz des Traumes eine Vorzeit 
zuzulassen. Damit wird seiner späteren Funktion nicht 
widersprochen. Nur erhebt sich, wenn diese Tendenz 
einmal durchbrochen ist, die weitere Frage : Sind solche 
Träume, welche im. Interesse der psychischen Bindung 
traumatischer Eindrücke dem Wiederholungszwange 
folgen, nicht auch außerhalb der Analyse möglich? 
Dies ist durchaus zu bejahen. 

Von den „Kriegsneurosen", soweit diese Bezeich- 
nung mehr als die Beziehung zur Veranlassung des 
Leidens bedeutet, habe ich an anderer Stelle ausgeführt, 
daß sie sehr wohl traumatische Neurosen sein könnten, 
die durch einen Ichkonflikt erleichtert worden sind. 1 
Die auf Seite 10 erwähnte Tatsache, daß eine gleich- 
zeitige grobe Verletzung durch das Trauma die Chance 
für die Entstehung einer Neurose verringert, ist nicht 
mehr unverständlich, wenn man zweier von der psycho- 
analytischen Forschung betonten Verhältnisse gedenkt. 
Erstens, daß mechanische Erschütterung als eine der 
Quellen der Sexualerregung anerkannt werden muß 

i) Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Einleitung. Inter- 
nationale Psychoanalytische Bibliothek, Nr. i, 191 9. 



44 



S/gm. Freud 



(vgl. die Bemerkungen, „Die Wirkung des Schaukeins 
und Eisenbahnfahrcns" in „Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie", 4. Auflage, 1920), und zweitens, daß 
dem schmerzhaften und fieberhaften Kranksein während 
seiner Dauer ein mächtiger Einfluß auf die Verteilung 
der Libido zukommt. So würde also die mechanische 
Gewalt des Traumas das Quantum Sexualerregung frei 
machen, welches infolge der mangelnden Angstvor- 
bereitung traumatisch wirkt, die gleichzeitige Körper- 
verletzung würde aber durch die Anspruchnahme einer 
nazistischen Überbesetzung des leidenden Organs den 
Überschuß an Erregung binden (s. „Zur Einführung 
des Narzißmus", Kleine Schriften zur Neurosenlehre, 
4- Folge, 191 8). Es ist auch bekannt, aber für die 
Libidothcorie nicht genügend verwertet worden, daß 
so schwere Störungen in der Libido Verteilung wie die 
einer Melancholie durch eine interkurrente organische 
Erkrankung zeitweilig aufgehoben werden, ja daß sogar 
der Zustand einer voll entwickelten Dementia praecox 
unter der nämlichen Bedingung einer vorübergehenden 
Rückbildung fähig ist. 



V. 

Der Mangel eines Reizschutzes für die reizauf- 
nehmende Rindenschicht gegen Erregungen von innen 
her wird die Folge haben müssen, daß diese Reiz- 
übertragungen die größere ökonomische Bedeutung 
gewinnen und häufig zu ökonomischen Störungen Anlaß 
geben, die den traumatischen Neurosen gleichzustellen 
sind. Die ausgiebigsten Quellen solch innerer Erregung 
sind die sogenannten Triebe des Organismus, die 
Repräsentanten aller aus dem Körperinnern stammenden, 
auf den seelischen Apparat übertragenen Kraftwirkungen, 
selbst das wichtigste wie das dunkelste Element der 
psychologischen Forschung. 

Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt, 
daß die von den Trieben ausgehenden Regungen nicht 
den Typus des gebundenen, sondern den des frei beweg- 
lichen, nach Abfuhr drängenden Nervenvorganges ein- 
halten. Das Beste, was wir über diese Vorgänge 
wissen, rührt aus dem Studium der Traumarbeit her. 
Dabei fanden wir, daß die Prozesse in den unbewußten 



46 Sigm. Freud 



Systemen von denen in den (vor-)bewußten gründlich 
verschieden sind, daß im Unbewußten Besetzungen 
leicht vollständig übertragen, verschoben, verdichtet 
werden können, was nur fehlerhafte Resultate ergeben 
könnte, wenn es an vorbewußtem Material geschähe, 
und was darum auch die bekannten Sonderbarkeiten 
des manifesten Traumes ergibt, nachdem die vor- 
bewußten Tagesreste die Bearbeitung nach den Ge- 
setzen des Unbewußten erfahren haben. Ich nannte 
die Art dieser Prozesse im Unbewußten den psychischen 
„Primärvorgang" zum Unterschied von dem für unser 
normales Wachleben gültigen Sekundärvorgang. Da 
die Triebregungen alle an den unbewußten Systemen 
angreifen, ist es kaum eine Neuerung zu sagen, daß 
sie dem Primärvorgang folgen, und andererseits gehört 
wenig dazu, um den psychischen Primärvorgang mit 
der frei beweglichen Besetzung, den Sekundärvorgang 
mit den Veränderungen an der gebundenen oder 
tonischen Besetzung Breuer's zu identifizieren.' Es 
wäre dann die Aufgabe der höheren Schichten des 
seelischen Apparates, die im Primärvorgang anlangende 
Erregung der Triebe zu binden. Das Mißglücken dieser 
Bindung würde eine der traumatischen Neurose analoge 
Störung hervorrufen ; erst nach erfolgter Bindung könnte 
sich die Herrschaft des Lustprinzips (und seiner Modi- 
fikation zum Realitätsprinzip) ungehemmt durchsetzen. 

i) Vgl. den Abschnitt VII, Psychologie der Traumvorgänge 
in meiner „Traumdeutung". 



jenseits des Lustprinzips 47 

Bis dahin aber würde die andere Aufgabe des Seelen- 
apparates, die Erregung zu bewältigen oder zu binden, 
voranstehen, zwar nicht im Gegensatz zum Lustprinzip, 
aber unabhängig von ihm und zum Teil ohne Rücksicht 
auf dieses. 

Die Äußerungen eines Wiederholungszwanges, die 
wir an den frühen Tätigkeiten des kindlichen Seelen- 
lebens wie an den Erlebnissen der psychoanalytischen 
Kur beschrieben haben, zeigen im hohen Grade den 
triebhaften, und wo sie sich im Gegensatz zum Lust- 
prinzip befinden, den dämonischen Charakter. Beim 
Kinderspiel glauben wir es zu begreifen, daß das Kind 
auch das unlustvolle Erlebnis darum wiederholt, weil 
es sich durch seine Aktivität eine weit gründlichere 
Bewältigung des starken Eindruckes envirbt, als beim 
bloß passiven Erleben möglich war. Jede neuerliche 
Wiederholung scheint diese angestrebte Beherrschung 
zu verbessern, und auch bei lustvollen Erlebnissen 
kann sich das Kind an Wiederholungen nicht genug 
tun und wird unerbittlich auf der Identität des Ein- 
druckes bestehen. Dieser Charakterzug ist dazu be- 
stimmt, späterhin zu verschwinden. Ein zum zweiten- 
mal angehörter Witz wird fast wirkungslos bleiben, 
eine Theaterauflführung wird nie mehr zum zweiten- 
mal den Eindruck erreichen, den sie das erstemal 
hinterließ; ja, der Erwachsene wird schwer zu bewegen 
sein, ein Buch, das ihm sehr gefallen hat, sobald noch- 
mals durchzulesen. Immer wird die Neuheit die Be- 



48 Sigiti. Freud 

; ; ; — 

dingung des Genusses sein. Das Kind aber wird nicht 
müde werden, vom Erwachsenen die Wiederholung 
eines ihm gezeigten oder mit ihm angestellten Spieles 
zu verlangen, bis dieser erschöpft es verweigert, und 
wenn man ihm eine schöne Geschichte erzählt hat, 
will es immer wieder die nämliche Geschichte anstatt 
einer neuen hören, besteht unerbittlich auf der Iden- 
tität der Wiederholung und verbessert jede Abänderung, 
die sich der Erzähler zuschulden kommen läßt, mit 
der er sich vielleicht sogar ein neues Verdienst er- 
werben wollte. Dem Lustprinzip wird dabei nicht 
widersprochen; es ist sinnfällig, daß die Wiederholung, 
das Wiederfinden der Identität, selbst eine Lustquelle 
bedeutet. Beim Analysierten hingegen wird es klar, 
daß der Zwang, die Begebenheiten seiner infantilen 
Lebensperiode in der Übertragung zu wiederholen, 
sich in jeder Weise über das Lustprinzip hinaussetzt. 
Der Kranke benimmt sich dabei völlig wie infantil 
und zeigt uns so, daß die verdrängten Erinnerungs- 
spuren seiner urzeitlichen Erlebnisse nicht im gebundenen 
Zustande in ihm vorhanden, ja gewißermassen des 
Sekundärvorganges nicht fähig sind. Dieser Ungebunden- 
heit verdanken sie auch ihr Vermögen, durch An- 
heftung an die Tagesreste eine im Traum darzustellende 
Wunschphantasie zu bilden. Derselbe Wiederholungs- 
zwang tritt uns so oft als therapeutisches Hindernis 
entgegen, wenn wir zu Ende der Kur die völlige Ab- 
lösung vom Arzte durchsetzen wollen, und es ist an- 



jenseits des Lustprinzips ^g 

zunehmen, daß die dunkle Angst der mit der Analyse 
nicht Vertrauten, die sich scheuen irgend etwas auf- 
zuwecken, was man nach ihrer Meinung besser schlafen 
ließe, im Grunde das Auftreten dieses dämonischen 
Zwanges fürchtet. 

Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit 
dem Zwang zur Wiederholung zusammen? Hier muß 
sich uns die Idee aufdrängen, daß wir einem allgemeinen, 
bisher nicht klar erkannten — oder wenigstens nicht 
ausdrücklich betonten — Charakter der Triebe, viel- 
leicht alles organischen Lebens überhaupt, auf die 
Spur gekommen sind. Ein Trieb wäre also ein 
dem belebten Organischen innewohnender 
Drang zur Wiederherstellung eines früheren 
Zustande s, welchen dies Belebte unter dem Ein- 
flüsse äußerer Störungskräfte aufgeben mußte, eine 
Art von organischer Elastizität, oder wenn man will, 
die Äußerung der Trägheit im organischen Leben. 1 
Diese Auffassung des Triebes klingt befremdlich, 
denn wir haben uns daran gewöhnt, im Triebe das 
zur Veränderung und Entwicklung drängende Moment 
zu sehen, und sollen nun das gerade Gegenteil in ihm 
erkennen, den Ausdruck der konservativen Natur des 
Lebenden. Anderseits fallen uns sehr bald jene Beispiele 
aus dem Tierleben ein, welche die historische Bedingt- 
heit der Triebe zu bestätigen scheinen. Wenn gewisse 

i) Ich bezweifle nicht, daß ähnliche Vermutungen über die 
Natur der „Triebe" bereits wiederholt geäußert worden sind. 

Freud : Jenseits des Lustprinzips 4 



50 Sigm, Freud 



i 



Fische um die Laichzeit beschwerliche Wanderungen 
unternehmen, um den Laicli in bestimmten Gewässern, 
weit entfernt von ihren sonstigen Wohnorten abzu- 
legen, so haben sie nach der Deutung vieler Biologen 
nur die früheren Wohnstätten ihrer Art aufgesucht, 
die sie im Laufe der Zeit gegen andere vertauscht 
hatten. Dasselbe soll für die Wanderflüge der Zug- 
vögel gelten, aber der Suche nach weiteren Beispielen 
enthebt uns bald die Mahnung, daß wir in den Phäno- 
menen der Erblichkeit und in den Tatsachen der 
Embryologie die großartigsten Beweise für den orga- 
nischen Wiederholungszwang haben. Wir sehen, der 
Keim eines lebenden Tieres ist genötigt, in seiner 
Entwicklung die Strukturen all der Formen, von denen 
das Tier abstammt, — wenn auch in flüchtiger Ab- 
kürzung — zu wiederholen, anstatt auf dem kürzesten 
Wege zu seiner definitiven Gestaltung zu eilen, und 
können dies Verhalten nur zum geringsten Teile 
mechanisch erklären, dürfen die historische Erklärung 
nicht beiseite lassen. Und ebenso erstreckt sich weit 
in die Tierreihe hinauf ein Reproduktionsvermögen, 
welches ein verlorenes Organ durch die Neubildung 
eines ihm durchaus gleichen ersetzt. 

Der naheliegende Einwand, es verhalte sich wohl 
so, daß es außer den konservativen Trieben, die zur 
Wiederholung nötigen, auch andere gibt, die zur Neu- 
gestaltung und zum Fortschritt drängen, darf gewiß 
nicht unberücksichtigt bleiben; er soll auch späterhin 



■I 






. 



yenseits des Lustprinzips c i 



in unsere Erwägungen einbezogen werden. Aber vor- 
her mag es uns verlocken, die Annahme, daß alle 
Triebe Früheres wiederherstellen wollen, in ihre letzten 
Konsequenzen zu verfolgen. Mag, was dabei heraus- 
kommt, den Anschein des ,, Tiefsinnigen" erwecken 
oder an Mystisches anklingen, so wissen wir uns doch 
von dem Vorwurf frei, etwas derartiges angestrebt zu 
haben. Wir suchen nüchterne Resultate der Forschung 
oder der auf sie gegründeten Überlegung, und unser 
Wunsch möchte diesen keinen anderen Charakter als 
den der Sicherheit verleihen. 

Wenn also alle organischen (Triebe konservativ, 
historisch erworben und auf Regression, Wiederher- 
stellung von Früherem, gerichtet sind, so müssen wir 
die Erfolge der organischen Entwicklung auf die 
Rechnung äußerer, störender und ablenkender Einflüsse 
setzen. Das elementare Lebewesen würde sich von 
seinem Anfang an nicht haben ändern wollen, hätte 
unter sich gleichbleibenden Verhältnissen stets nur den 
nämlichen Lebenslauf wiederholt. Aber im letzten 
Grunde müßte es die Entwicklungsgeschichte unserer 
Erde und ihres Verhältnisses zur Sonne sein, die uns 
in der Entwicklung der Organismen ihren Abdruck 
hinterlassen hat. Die konservativen organischen Triebe 
haben jede dieser aufgezwungenen Abänderungen des 
Lebenslaufes aufgenommen und zur Wiederholung 
aufbewahrt und müssen so den täuschenden Ein- 
druck von Kräften machen, die nach Veränderung und 



52 



Sigm. Freud 



Fortschritt streben, während sie bloß ein altes Ziel auf 
alten und neuen Wegen zu erreichen trachten. Auch 
dieses Endziel alles organischen Strebens ließe sich 
angeben. Der konservativen Natur der Triebe wider- 
spräche es, wenn das Ziel des Lebens ein noch nie 
zuvor erreichter Zustand wäre. Es muß vielmehr ein 
alter, ein Ausgangszustand, sein, den das Lebende 
einmal verlassen hat, und zu dem es über alle Um- 
wege der Entwicklung zurückstrebt. Wenn wir es als 
ausnahmslose Erfahrung annehmen dürfen, daß alles 
Lebende aus inneren Gründen stirbt, ins Anorganische 
zurückkehrt, so können wir nur sagen: Das Ziel 
alles Lebens ist der Tod, und zurückgreifend: 
Das Leblose war früher da als das Lebende. 
Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch 
eine noch ganz unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigen- 
schaften des Lebenden erweckt. Vielleicht war es ein 
Vorgang vorbildlich ähnlich jenem anderen, der in einer 
gewissen Schicht der lebenden Materie später das 
Bewußtsein entstehen ließ. Die damals entstandene 
Spannung in dem vorhin unbelebten Stoff trachtete 
darnach sich abzugleichen; es war der erste Trieb 
gegeben, der, zum Leblosen zurückzukehren. Die 
damals lebende Substanz hatte das Sterben noch 
leicht, es war wahrscheinlich nur ein kurzer Lebens- 
weg zu durchlaufen, dessen Richtung durch die 
chemische Struktur des jungen Lebens bestimmt war. 
Eine lange Zeit hindurch mag so die lebende Substanz 



yenseits des Lustprinzips 53 

immer wieder neu geschaffen worden und leicht ge- 
storben sein, bis sich maßgebende äußere Einflüsse 
so änderten, daß sie die noch überlebende Substanz 
zu immer größeren Ablenkungen vom ursprünglichen 
Lebensweg und zu immer komplizierteren Umwegen 
bis zur Erreichung des Todeszieles nötigten. Diese 
Umwege zum Tode, von den konservativen Trieben 
getreulich festgehalten, böten uns heute das Bild 
der Lebenserscheinungen. Wenn man an der aus- 
schließlich konservativen Natur der Triebe festhält, 
kann man zu anderen Vermutungen über Herkunft 
und Ziel des Lebens nicht gelangen. 

Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt 
dann, was sich für die großen Gruppen von Trieben 
ergibt, die wir hinter den Lebenserscheinungen der 
Organismen statuieren. Die Aufstellung der Selbst- 
erhaltungstriebe, die wir jedem lebenden Wesen 
zugestehen, steht in merkwürdigem Gegensatz zur 
Voraussetzung, daß das gesamte Triebleben der 
Herbeiführung des Todes dient. Die theoretische Be- 
deutung der Selbsterhaltungs-, Macht- und Geltungs- 
triebe schrumpft, in diesem Licht gesehen, ein; es 
sind Partialtriebe, dazu bestimmt, den eigenen Todes- 
weg des Organismus zu sichern und andere Möglich- 
keiten der Rückkehr zum Anorganischen als die 
immanenten fernzuhalten, aber das rätselhafte, in keinen 
Zusammenhang einfügbare Bestreben des Organismus, 
sich aller Welt zum Trotz zu behaupten, entfällt. Es 



54 Sigvi. Freud 



erübrigt, daß der Organismus nur auf seine Weise 
sterben will; auch diese Lebenswächter sind ursprünglich 
Trabanten des Todes gewesen. Dabei kommt das 
Paradoxe zustande, daß der lebende Organismus sich 
auf das energischeste gegen Einwirkungen (Gefahren) 
sträubt, die ihm dazu verhelfen könnten, sein Lebens- 
ziel auf kurzem Wege (durch Kurzschluß sozusagen) 
zu erreichen, aber dies Verhalten charakterisiert eben 
ein rein triebhaftes im Gegensatz zu einem intelligenten 
Streben. 1 

Aber besinnen wir uns, dem kann nicht so sein! 
In ein ganz anderes Licht rücken die Sexualtriebe, 
für welche die Neurosenlehre eine Sonderstellung in 
Anspruch genommen hat. Nicht alle Organismen sind 
dem äußeren Zwang unterlegen, der sie zu immer 
weiter gehender Entwicklung antrieb. Vielen ist es 
gelungen, sich auf ihrer niedrigen Stufe bis auf die 
Gegenwart zu bewahren; es leben ja noch heute, 
wenn nicht alle, so doch viele Lebewesen, die den 
Vorstufen der höheren Tiere und Pflanzen ähnlich sein 
müssen. Und ebenso machen nicht alle Elementar- 
organismen, welche den komplizierten Leib eines 
höheren Lebewesens zusammensetzen, den ganzen Ent- 
wicklungsweg bis zum natürlichen Tode mit. Einige 
unter ihnen, die Keimzellen, bewahren wahrscheinlich 
die ursprüngliche Struktur der lebenden Substanz und 

i) Vgl. übrigens die später iolgende Korrektur dieser 
extremen Auffassung der Selbsterhaltungstriebe. 






Jenseits des Lustprinzips 5 5 

lösen sich, mit allen ererbten und neu erworbenen 
Tricbanlagen beladen, nach einer gewissen Zeit vom 
ganzen Organismus ab. Vielleicht sind es gerade diese 
beiden Eigenschaften, die ihnen ihre selbständige 
Existenz ermöglichen. Unter günstige Bedingungen ge- 
bracht, beginnen sie sich zu entwickeln, das heißt, 
das Spiel, dem sie ihre Entstehung verdanken, zu 
wiederholen, und dies endet damit, daß wieder ein 
Anteil ihrer Substanz die Entwicklung bis zum Ende 
fortführt, während ein anderer als neuer Keimrest von 
neuem auf den Anfang der Entwicklung zurückgreift. So 
arbeiten diese Keimzellen dem Sterben der lebenden 
Substanz entgegen und wissen für sie zu erringen, was 
uns als potentielle Unsterblichkeit erscheinen muß, 
wenngleich es vielleicht nur eine Verlängerung des 
Todesweges bedeutet. Im höchsten Grade bedeutungs- 
voll ist uns die Tatsache, daß die Keimzelle für diese 
Leistung durch die Verschmelzung mit einer anderen, 
ihr ähnlichen und doch von ihr verschiedenen, ge- 
kräftigt oder überhaupt erst befähigt wird. 

Die Triebe, welche die Schicksale dieser das 
Einzelwesen überlebenden Elementarorganismen in acht 
nehmen, für ihre sichere Unterbringung sorgen, so 
lange sie wehrlos gegen die Reize der Außenwelt 
sind, ihr Zusammentreffen mit den anderen Keimzellen 
herbeiführen usw., bilden die Gruppe der Sexualtriebe. 
Sie sind in demselben Sinne konservativ wie die 
anderen, indem sie frühere Zustände der lebenden 



': 






56 Sigm. Freud 



Substanz wiederbringen, aber sie sind es in stärkerem 
Maße, indem sie sich als besonders resistent gegen 
äußere Einwirkungen erweisen, und dann noch in 
einem weiteren Sinne, da sie das Leben selbst für 
längere Zeiten erhalten.' Sie sind die eigentlichen Lebens- 
triebe; dadurch, daß sie der Absicht der anderen 
Triebe, welche durch die Funktion zum Tode führt, 
entgegenwirken, deutet sich ein Gegensatz zwischen 
ihnen und den übrigen an, den die Neurosenlehre früh- 
zeitig als bedeutungsvoll erkannt hat. Es ist wie ein 
Zauderrhythmus im Leben der Organismen; die eine 
Triebgruppe stürmt nach vorwärts, um das Endziel 
des Lebens möglichst bald zu erreichen, die andere 
schnellt an einer gewissen Stelle dieses Weges zurück, 
um ihn von einem bestimmten Punkt an nochmals zu 
machen und so die Dauer des Weges zu verlängern. 
Aber wenn auch Sexualität und Unterschied der Ge- 
schlechter zu Beginn des Lebens gewiß nicht vor- 
handen waren, so bleibt es doch möglich, daß die 
später als sexuell zu bezeichnenden Triebe von allem 
Anfang an in Tätigkeit getreten sind und ihre Gegen- 
arbeit gegen das Spiel der ,, Ichtriebe" nicht erst zu 
einem späteren Zeitpunkte aufgenommen haben. 

Greifen wir nun selbst ein erstes Mal zurück, um 
zu fragen, ob nicht alle diese Spekulationen der Be- 
gründung entbehren. Gibt es wirklich, abgesehen 

1) Und doch sind sie es, die wir allein für „Fortschritt" und 
Höherentwicklung in Anspruch nehmen können! (S. u.) 



Je?iseits des Lustprinzips 57 

von den Sexualtrieben, keine anderen Triebe als 
solche, die einen früheren Zustand wiederherstellen 
wollen, nicht auch andere, die nach einem noch nie 
erreichten streben? Ich weiß in der organischen Welt 
kein sicheres Beispiel, das unserer vorgeschlagenen 
Charakteristik widerspräche. Ein allgemeiner Trieb zur 
Höherentwicklung in der Tier- und Pflanzenwelt läßt 
sich gewiß nicht feststellen, wenn auch eine solche 
Entwicklungsrichtung tatsächlich unbestritten bleibt. 
Aber einerseits ist es vielfach nur Sache unserer Ein- 
schätzung, wenn wir eine Entwicklungsstufe für höher 
als eine andere erklären, und andererseits zeigt uns die 
Wissenschaft des Lebenden, daß Höherentwicklung in 
einem Punkte sehr häufig durch Rückbildung in einem 
anderen erkauft oder wettgemacht wird. Auch gibt es Tier- 
formen genug, deren Jugendzustände uns erkennen lassen, 
daß ihre Entwicklung vielmehr einen rückschreitenden 
Charakter genommen hat. Höherentwicklung wie Rück- 
bildung könnten beide Folgen der zur Anpassung drän- 
genden äußeren Kräfte sein und die Rolle der Triebe 
könnte sich für beide Fälle darauf beschränken, die aufge- 
zwungene Veränderung als innere Lustquelle festzuhalten. 1 
Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf 
den Glauben zu verzichten, daß im Menschen selbst 

1) Auf anderem Wege ist Ferenczi zur Möglichkeit der- 
selben Auffassung gelangt (Entwicklungsstufen des Wirklichkeits- 
sinnes, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 191 3): „Bei 
konsequenter Durchführung dieses Gedankenganges muß man sich 



58 Sigm'. Freud 



ein Trieb zur Vervollkommnung wohnt, der ihn auf 
seine gegenwärtige Flöhe geistiger Leistung und ethischer 
Sublimierung gebracht hat, und von dem man erwarten 
darf, daß er seine Entwicklung zum Übermenschen 
besorgen wird. Allein ich glaube nicht an einen solchen 
inneren Trieb und sehe keinen Weg, diese wohltuende 
Illusion zu schonen. Die bisherige Entwicklung des 
Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu 
bedürfen als die der Tiere, und was man an einer 
Minderzahl von menschlichen Individuen als rastlosen 
Drang zu weiterer Vervollkommnung beobachtet, läßt 
sich ungezwungen als Folge der Triebverdrängung 
verstehen, auf welche das Wertvollste an der mensch- 
lichen Kultur aufgebaut ist. Der verdrängte Trieb gibt 
es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, 
die in der Wiederholung eines primären Bcfriedigungs- 
erlebnisses bestünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildungen 
und Sublimierungen sind ungenügend, um seine an- 
haltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz 
zwischen der gefundenen und der geforderten Be- 
friedigungslust ergibt sich das treibende Moment, 
welches bei keiner der hergestellten Situationen zu 
verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten 
„ungebändigt immer vorwärts dringt" (Mephisto im 

mit der Idee einer auch das organische Leben beherrschenden 
Beharrungs- resp. Repressionstendenz vertraut machen, während 
die Tendenz nach Fortentwicklung, Anpassung etc. nur auf äußere 
Reize hin lebendig wird." (S. 137.) 






Jenseits des Lustprinzips 59 

„Faust", I, Studierzimmer). Der Weg nach rückwärts, 
zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch die 
Widerstände, welche die Verdrängungen aufrecht 
halten, verlegt, und somit bleibt nichts anderes übrig, 
als in der anderen, noch freien Entwicklungsrichtung 
fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß 
abschließen und das Ziel erreichen zu können. Die 
Vorgänge bei der Ausbildung einer neurotischen 
Phobie, die ja nichts anderes als ein Fluchtversuch 
vor einer Triebbefriedigung ist, geben uns das Vor- 
bild für die Entstehung dieses anscheinenden „Ver- 
vollkommnungstriebes", den wir aber unmöglich allen 
menschlichen Individuen zuschreiben können. Die dyna- 
mischen Bedingungen dafür sind zwar ganz allgemein 
vorhanden, aber die ökonomischen Verhältnisse scheinen 
das Phänomen nur in seltenen Fällen zu begünstigen. 
Nur mit einem Wort sei aber auf die Möglichkeit 
hingewiesen, daß das Bestreben des Eros, das Organische 
zu immer größeren Einheiten zusammenzufassen, einen 
Ersatz für den nicht anzuerkennenden „Vervollkomm- 
nungstrieb" leisten kann. Im Verein mit den Wirkungen 
der Verdrängung würde es die dem letzteren zuge- 
schriebenen Phänomene erklären können. 



VI. 



Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen 
Gegensatz zwischen den „Ichtrieben" und den Sexual- 
trieben aufstellt, die ersteren zum Tode und die letzteren 
zur Lebensfortsetzung drängen läßt, wird uns gewiß 
nach vielen Richtungen selbst nicht befriedigen. Dazu 
kommt, daß wir eigentlich nur für die ersteren den 
konservativen oder besser regredierenden, einem Wieder- 
holungszwang entsprechenden Charakter des Triebes 
in Anspruch nehmen konnten. Denn nach unserer An- 
nahme rühren die Ichtriebe von der Belebung der un- 
belebten Materie her und wollen die Unbelebtheit 
wieder herstellen. Die Sexualtriebe hingegen — es ist 
augenfällig, daß sie primitive Zustände des Lebewesens 
reproduzieren, aber ihr mit allen Mitteln angestrebtes 
Ziel ist die Verschmelzung zweier in bestimmter Weise 
differenzierter Keimzellen. Wenn diese Vereinigung 
nicht zustande kommt, dann stirbt die Keimzelle wie 
alle anderen Elemente des vielzelligen Organismus. Nur 
unter dieser Bedingung kann die Geschlechtsfunktion 






- 



jenseits des Lustprinzips 



61 






das Leben verlängern und ihm den Schein der Un- 
sterblichkeit verleihen. Welches wichtige Ereignis im 
Entwicklungsgang der lebenden Substanz wird aber' 
durch die geschlechtliche Fortpflanzung oder ihren 
Vorläufer, die Kopulation zweier Individuen unter 
den Protisten, wiederholt? Das wissen wir nicht zu 
sagen, und darum würden wir es als Erleichterung 
empfinden, wenn unser ganzer Gedankenaufbau sich 
als irrtümlich erkennen ließe. Der Gegensatz von 
Ich(Todes-)trieben und Sexual(Lebens-)trieben würde 
dann entfallen, damit auch der Wiederholungszwang 
die ihm zugeschriebene Bedeutung einbüßen. 

Kehren wir darum zu einer von uns eingefloch- 
tenen Annahme zurück, in der Erwartung, sie werde 
sich exakt widerlegen lassen. Wir haben auf Grund 
der Voraussetzung weitere Schlüsse aufgebaut, daß 
alles Lebende aus inneren Ursachen sterben müsse. 
Wir haben diese Annahme so sorglos gemacht, weil 
sie uns nicht als solche erscheint. Wir sind gewohnt 
so zu denken, unsere Dichter bestärken uns darin. 
Vielleicht haben wir uns dazu entschlossen, weil ein 
Trost in diesem Glauben liegt. Wenn man schon 
selbst sterben und vorher seine Liebsten durch den 
Tod verlieren soll, so will man lieber einem unerbitt- 
lichen Naturgesetz, der hehren 'Avcxyia], erlegen sein, 
als einem Zufall, der sich etwa noch hätte vermeiden 
lassen. Aber vielleicht ist dieser Glaube an die innere 
Gesetzmäßigkeit des Sterbens auch nur eine der 






62 



Sigm. Freud 



Illusionen, die wir uns geschaffen haben, „um die 
Schwere des Daseins zu ertragen". Ursprünglich ist 
er sicherlich nicht, den primitiven Völkern ist die Idee 
eines „natürlichen Todes" fremd; sie führen jedes 
Sterben unter ihnen auf den Einfluß eines Feindes 
oder eines bösen Geistes zurück. Versäumen wir es 
darum nicht, uns zur Prüfung dieses Glaubens an die 
biologische Wissenschaft zu wenden. 

Wenn wir so tun, dürfen wir erstaunt sein, wie 
wenig die Biologen in der Frage des natürlichen Todes 
einig sind, ja daß ihnen der Begriff des Todes über- 
haupt unter den Händen zerrinnt. Die Tatsache einer 
bestimmten durchschnittlichen Lebensdauer wenigstens 
bei höheren Tieren spricht natürlich für den Tod aus 
inneren Ursachen, aber der Umstand, daß einzelne 
große Tiere und riesenhafte Baumgewächse ein sehr 
hohes und bisher nicht abschätzbares Alter erreichen, 
hebt diesen Eindruck wieder auf. Nach der groß- 
artigen Konzeption von W. Fließ sind alle Lebens- 
erscheinungen — und gewiß auch der Tod — der 
Organismen an die Erfüllung bestimmter Termine ge- 
bunden, in denen die Abhängigkeit zweier lebenden 
Substanzen, einer' männlichen und einer weiblichen, 
vom Sonnenjahr zum Ausdruck kommt. Allein die 
Beobachtungen, wie leicht und bis zu welchem Aus- 
maß es dem Einflüsse äußerer Kräfte möglich ist, 
die Lebensäußerungen insbesondere der Pflanzenwelt 
in ihrem zeitlichen Auftreten zu verändern, sie zu 






yenseits des Lustprinzips 63 

verfrühen oder hintanzuhalten, sträuben sich gegen die 
Starrheit der Fließ 'sehen Formeln und lassen zum 
mindesten an der Alleinherrschaft der von ihm auf- 
gestellten Gesetze zweifeln. 

Das größte Interesse knüpft sich für uns an die Be- 
handlung, welche das Thema von der Lebensdauer und 
vom Tode der Organismen in den Arbeiten von A. Weis- 
mann gefunden hat. 1 Von diesem Forscher rührt die 
Unterscheidung der lebenden Substanz in eine sterb- 
liche und unsterbliche Hälfte her; die sterbliche ist 
der Körper im engeren Sinne, das Soma, sie allein ist 
dem natürlichen Tode unterworfen, die Keimzellen aber 
sind potentia unsterblich, insofern sie imstande sind, 
unter gewissen günstigen Bedingungen sich zu einem 
neuen Individuum zu entwickeln, oder anders ausge- 
drückt, sich mit einem neuen Soma zu umgeben. 2 

Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete 
Analogie mit unserer eigenen, auf so verschiedenem 
Wege entwickelten Auffassung. Weismann, der die 
lebende Substanz morphologisch betrachtet, erkennt 
in ihr einen Bestandteil, der dem Tode verfallen ist, 
das Soma, den Körper abgesehen vom Geschlechts- 
und Vererbungsstoff, und einen unsterblichen, eben 
dieses Keimplasma, welches der Erhaltung der Art, 
der Fortpflanzung, dient. Wir haben nicht den lebenden 

1) Über die Dauer des Lebens. 1882; Über Leben und Tod, 
1892; Das Keimplasma, 1892, u. a. 

2) Über Leben und Tod, 2. Aufl. 1892, S. 20. 



64 Sigm. Freud 



Stoff, sondern die in ihm tätigen Kräfte eingestellt, und 
sind dazu geführt worden, zwei Arten von Trieben zu 
unterscheiden, jene, welche das Leben zum Tod führen 
wollen, die anderen, die Sexualtriebe, welche immer 
wieder die Erneuerung des Lebens anstreben und 
durchsetzen. Das klingt wie ein dynamisches Korollar 
zu Weismann's morphologischer Theorie. 

Der Anschein einer bedeutsamen Übereinstimmung 
verflüchtigt sich alsbald, wenn wir Weismann's Ent- 
scheidung über das Problem des Todes vernehmen. 
Denn Weismann läßt die Sonderung vom sterblichen 
Soma und unsterblichen Keimplasma erst bei den viel- 
zelligen Organismen gelten, bei den einzelligen Tieren 
sind Individuum und Fortpflanzungszelle noch ein- und 
dasselbe. 1 Die Einzelligen erklärt er also für potentiell 
unsterblich, der Tod tritt erst bei den Metazoen, den 
Vielzelligen, auf. Dieser Tod der höheren Lebewesen 
ist allerdings ein natürlicher, ein Tod aus inneren Ur- 
sachen, aber er beruht nicht auf einer Ureigenschaft 
der lebenden Substanz, 2 kann nicht als eine absolute, 
im Wesen des Lebens begründete Notwendigkeit auf- 
gefaßt werden. 3 Der Tod ist vielmehr eine Zweck- 
mäßigkeitseinrichtung, eine Erscheinung der Anpassung 
an die äußeren Lebensbedingungen, weil von der 
Sonderung der Körperzellen in Soma und Keimplasmen 

i) Dauer des Lebens, S. 38. 

2) Leben und Tod, 2. Aufl., S. 67. 

3) Dauer des Lebens, S. 33. 






Jenseits des Lustprinzips 



65 






an die unbegrenzte Lebensdauer des Individuums ein 
ganz unzweckmäßiger Luxus geworden wäre. Mit dem 
Eintritt dieser Differenzierung bei den Vielzelligen 
wurde der Tod möglich und zweckmäßig. Seither stirbt 
das Soma der höheren Lebewesen aus inneren Gründen 
zu bestimmten Zeiten ab, die Protisten aber sind un- 
sterblich geblieben. Die Fortpflanzung hingegen ist nicht 
erst mit dem Tod eingeführt worden, sie ist vielmehr 
eine Ureigenschaft der lebenden Materie wie das Wachs- 
tum, aus welchem sie hervorging, und das Leben ist von 
seinem Beginn auf Erden an kontinuierlich geblieben. 1 

Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis 
eines natürlichen Todes für die höheren Organismen 
unserer Sache wenig hilft. Wenn der Tod eine späte 
Erwerbung der Lebewesen ist, dann kommen Todes- 
triebe, die sich vom Beginn des Lebens auf Erden 
ableiten, weiter nicht in Betracht. Die Vielzelligen 
mögen dann immerhin aus inneren Gründen sterben, 
an den Mängeln ihrer Differenzierung oder an den Unvoll- 
kommenheiten ihres Stoffwechsels; es hat für die Frage, 
die uns beschäftigt, kein Interesse. Eine solche Auf- 
fassung und Ableitung des Todes liegt dem gewohnten 
Denken der Menschen auch sicherlich viel näher als 
die befremdende Annahme von „Todestrieben". 

Die Diskussion, die sich an die Aufstellungen 
von Weis mann angeschlossen, hat nach meinem Urteil 






1) Über Leben und Tod, Schluß. 

Freud: Jenseils de* Lustprinzip« 



66 



Sigvi. Freud 



in keiner Richtung Entscheidendes ergeben.' Manche 
Autoren sind zum Standpunkt von Goette zurück- 
gekehrt (1883), der in dem Tod die direkte Folge 
der Fortpflanzung sah. Hartmann charakterisiert den 
Tod nicht durch Auftreten einer „Leiche", eines ab- 
gestorbenen Anteiles der lebenden Substanz, sondern 
definiert ihn als den „Abschluß der individuellen Ent- 
wicklung". In diesem Sinne sind auch die Protozoen 
sterblich, der Tod fällt bei ihnen immer mit der Fort- 
pflanzung zusammen, aber er wird durch diese gewisser- 
maßen verschleiert, indem die ganze Substanz des 
Elterntieres direkt in die jungen Kinderindividuen über- 
geführt werden kann. (1. c, S. 29) 

Das Interesse der Forschung hat sich bald darauf 
gerichtet, die behauptete Unsterblichkeit der lebenden 
Substanz an den Einzelligen experimentell zu erproben. 
Ein Amerikaner, Woodruff, hat ein bewimpertes 
Infusorium, ein „Pantoffeltierchen", das sich durch 
Teilung in zwei Individuen fortpflanzt, in Zucht ge- 
nommen und es bis zur 3029sten Generation, wo er 
den Versuch abbrach, verfolgt, indem er jedesmal das 
eine der Teilprodukte isolierte und in frisches Wasser 
brachte. Dieser späte Abkömmling des ersten Pantoffel- 
tierchens war ebenso frisch wie der Urahn, ohne alle 



1) Vgl. Max Hartmann, Tod und Fortpflanzung, 1906; 
Alex. Lipschütz, Warum wir sterben, Kosmosbücher, 1914; 
Franz Doflein, Das Problem des Todes und der Unsterblichkeit 
bei den Pflanzen und Tieren, 1909. 



yenseits des Lustprinzips 67 

Zeichen des Alterns oder der Degeneration; somit 
schien, wenn solchen Zahlen bereits Beweiskraft zu- 
kommt, die Unsterblichkeit der Protisten experimentell 
erweisbar.' 

Andere Forscher sind zu anderen Resultaten ge- 
kommen. Maupas, Calkins u. a. haben im Gegen- 
satz zu Woodruff gefunden, daß auch diese Infusorien 
nach einer gewissen Anzahl von Teilungen schwächer 
werden, an Größe abnehmen, einen Teil ihrer Organi- 
sation einbüßen und endlich sterben, wenn sie nicht 
gewisse auffrischende Einflüsse erfahren. Demnach 
stürben die Protozoen nach einer Phase des Alters- 
verfalls ganz wie die höheren Tiere, so recht im 
Widerspruch zu den Behauptungen Weismanns, der 
den Tod als eine späte Erwerbung der lebenden 
Organismen anerkennt. 

Aus dem Zusammenhang dieser Untersuchungen 
heben wir zwei Tatsachen heraus, die uns einen festen 
Anhalt zu bieten scheinen. Erstens : Wenn die Tierchen 
zu einem Zeitpunkt, da sie noch keine Altersverän- 
derung zeigen, miteinander zu zweit verschmelzen, 
„kopulieren 4 ' können — worauf sie nach einiger Zeit 
wieder auseinandergehen — , so bleiben sie vom Alter 
verschont, sie sind „verjüngt" worden. Diese Kopulation 
ist doch wohl der Vorläufer der geschlechtlichen Fort- 
pflanzung höherer Wesen; sie hat mit der Vermehrung 



1) Für dies und das Folgende vgl. Lip schütz 1. c, S. 26 
und 52 ff. 

5* 



"•■: 



68 Sigm, Freud 









noch nichts zu tun, beschränkt sich auf die Ver- 
mischung der Substanzen beider Individuen (Weis- 
mann's Amphimixis). Der auffrischende Einfluß der 
Kopulation kann aber auch ersetzt werden, durch be- 
stimmte Reizmittel, Veränderungen in der Zusammen- 
setzung der Nährflüssigkeit, Temperatursteigerung oder 
Schütteln. Man erinnert sich an das berühmte Ex- 
periment von J. Loeb, der Seeigeleier durch gewisse 
chemische Reize zu Teilungsvorgängen zwang, die 
sonst nur nach der Befruchtung auftreten. 

Zweitens: Es ist doch wahrscheinlich, daß die 
Infusorien durch ihren eigenen Lebensprozeß zu einem 
natürlichen Tod geführt werden, denn der Wider- 
spruch zwischen den Ergebnissen von Woodruff und 
von anderen rührt daher, daß Woodruff jede neue 
Generation in frische Nährflüssigkeit brachte. Unterließ 
er dies, so beobachtete er dieselben Altersveränderungen 
der Generationen wie die anderen Forscher. Er schloß, 
daß die Tierchen durch die Produkte des Stoffwechsels, 
die sie an die umgebende Flüssigkeit abgeben, ge- 
schädigt werden, und konnte dann überzeugend nach- 
weisen, daß nur die Produkte des eigenen Stoff- 
wechsels diese zum Tod der Generation führende 
Wirkung haben. Denn in einer Lösung, die mit den 
Abfallsprodukten einer entfernter verwandten Art über- 
sättigt war, gediehen dieselben Tierchen ausgezeichnet, 
die, in ihrer eigenen Nährflüssigkeit angehäuft, sicher 
zugrunde gingen. Das Infusor stirbt also, sich selbst 



yenseits des Lustprinzips 69 

überlassen, eines natürlichen Todes an der Unvoll- 
kommenheit der Beseitigung seiner eigenen Stoff- 
'wechselprodukte; aber vielleicht sterben auch alle 
höheren Tiere im Grunde an dem gleichen Unvermögen. 
Es mag uns da der Zweifel anwandeln, ob es 
überhaupt zweckdienlich war, die Entscheidung der 
Frage nach dem natürlichen Tod im Studium der 
Protozoen zu suchen. Die primitive Organisation dieser 
Lebewesen mag uns wichtige Verhältnisse verschleiern, 
die auch bei ihnen statthaben, aber erst bei höheren 
Tieren erkannt werden können, wo sie sich einen 
morphologischen Ausdruck verschafft haben. Wenn 
wir den morphologischen Standpunkt verlassen, um 
den dynamischen einzunehmen, so kann es uns über- 
haupt gleichgültig sein, ob sich der natürliche Tod der 
Protozoen erweisen läßt oder nicht. Bei ihnen hat 
sich die später als unsterblich erkannte Substanz von 
der sterblichen noch in keiner Weise gesondert. Die 
Triebkräfte, die das Leben in den Tod überführen 
wollen, könnten auch in ihnen von Anfang an wirk- 
sam sein, und doch könnte ihr Effekt durch den der 
lebenserhaltenden Kräfte so gedeckt werden, daß ihr 
direkter Nachweis sehr schwierig wird. Wir haben 
allerdings gehört, daß die Beobachtungen der Biologen 
uns die Annahme solcher zum Tod führenden inneren 
Vorgänge auch für die Protisten gestatten. Aber selbst, 
wenn die Protisten sich als unsterblich im Sinne von 
Weis mann erweisen, so gilt seine Behauptung, der 



yo SigM. Freud 




Tod sei eine späte Erwerbung, nur für die manifesten 
Äußerungen des Todes und macht keine Annahme 
über die zum Tode drängenden Prozesse unmöglich. 
Unsere Erwartung, die Biologie werde die Anerkennung 
der Todestriebe glatt beseitigen, hat sich nicht erfüllt. 
Wir können uns mit ihrer Möglichkeit weiter be- 
schäftigen, wenn wir sonst Gründe dafür haben. Die 
auffällige Ähnlichkeit der Weismann'schen Sonderung 
von Soma und Keimplasma mit unserer Scheidung 
der Todestriebe von den Lebenstrieben bleibt aber 
bestehen und erhält ihren Wert wieder. 

Verweilen wir kurz bei dieser exquisit dualisti- 
schen Auffassung des Trieblebens. Nach der Theorie 
E. Hering's von den Vorgängen in der lebenden 
Substanz laufen in ihr unausgesetzt zweierlei Prozesse 
entgegengesetzter Richtung ab, die einen aufbauend 
— assimilatorisch, die anderen abbauend — dissimila- 
torisch. Sollen wir es wagen, in diesen beiden Rich- 
tungen der Lebensprozesse die Betätigung unserer 
beiden Triebregungen, der Lebenstriebe und der 
Todestriebe, zu erkennen? Aber etwas anderes können 
wir uns nicht verhehlen: daß wir unversehens in den 
Hafen der Philosophie Schopenhauer's eingelaufen 
sind, für den ja der Tod „das eigentliche Resultat' 1 
und insofern der Zweck des Lebens ist,' der Sexual- 
trieb aber die Verkörperung des Willens zum Leben. 

i) „Über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale 
des Einzelnen", Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe, IV. Bd, S. 268. 



Jenseits des Lustprinzips j\ 

Versuchen wir kühn, einen Schritt weiter zu gehen. 
Nach allgemeiner Einsicht ist die Vereinigung zahlreicher 
Zellen zu einem Lebensverband, die Vielzelligkeit der 
Organismen, ein Mittel zur Verlängerung ihrer Lebens- 
dauer geworden. Eine Zelle hilft dazu, das Leben der 
anderen zu erhalten, und der Zellenstaat kann weiter 
leben, auch wenn einzelne Zellen absterben müssen. 
Wir haben bereits gehört, daß auch die Kopulation, 
die zeitweilige Verschmelzung zweier Einzelliger, lebens- 
erhaltend und verjüngend auf beide wirkt. Somit könnte 
man den Versuch machen, die in der Psychoanalyse 
gewonnene Libidotheorie auf das Verhältnis der Zellen 
zu einander zu übertragen und sich vorzustellen, daß 
es die in jeder Zelle tätigen Lebens- oder Sexualtriebe 
sind welche die anderen Zellen zum Objekt nehmen, 
deren Todestriebe, d. i. die von diesen angeregten 
Prozesse, teilweise neutralisieren und sie so am Leben 
erhalten, während andere Zellen dasselbe für sie besorgen 
und noch andere in der Ausübung dieser libidinöserr 
Funktion sich selbst aufopfern. Die Keimzellen selbst 
würden sich absolut ,, narzißtisch" benehmen, wie wir 
es in der Neurosenlehre zu bezeichnen gewohnt sind, 
wenn ein ganzes Individuum seine Libido im Ich behält 
und nichts von ihr für Objektbesetzungen verausgabt. 
Die Keimzellen brauchen ihre Libido, die Tätigkeit 
ihrer Lebenstriebe, für sich selbst als Vorrat für ihre 
spätere, großartig aufbauende Tätigkeit. Vielleicht darf 
man auch die Zellen der bösartigen Neugebilde, die 



72 Sigtft, Freud 



den Organismus zerstören, für narzißtisch in demselben 
Sinne erklären. Die Pathologie ist ja bereit, ihre Keime 
für mitgeboren zu halten und ihnen embryonale Eigen- 
schaften zuzugestehen. So würde also die Libido unserer 
Sexualtriebe mit dem Eros der Dichter und Philosophen 
zusammenfallen, der alles Lebende zusammenhält. 

An dieser Stelle linden wir den Anlaß, die lang- 
same Entwicklung unserer Libidothcorie zu überschauen. 
Die Analyse der Übertragungsneurosen zwang uns zu- 
nächst den Gegensatz zwischen „Sexualtrieben", die 
auf das Objekt gerichtet sind, und anderen Trieben 
auf, die wir nur sehr ungenügend erkannten und vor- 
läufig als „Ichtriebe" bezeichneten. Unter ihnen mußten 
Triebe, die der Selbsterhaltung des Individuums dienen, 
in erster Linie anerkannt werden. Was für andere 
Unterscheidungen da zu machen waren, konnte man 
nicht wissen. Keine Kenntnis wäre für die Begründung 
einer richtigen Psychologie so wichtig gewesen, wie 
eine ungefähre Einsicht in die gemeinsame Natur und 
die etwaigen Besonderheiten der Triebe. Aber auf 
keinem Gebiete der Psychologie tappte man so sehe 
im Dunkeln, jedermann stellte so viele Triebt: oder 
, .Grundtriebe" auf, als ihm beliebte, \nn\ wirtschaftete 
mit ihnen, wie die alten griechischen Xaturphilosophen 
mit ihren vier Elementen: dem Wasser, der Erde, 
dem Feuer und der Luft. Die Psychoanalyse, die irgend 
einer Annahme über die Triebe nicht entraten konnte, 
hielt sich vorerst an die populäre Triebunterscheidung, 



"Jenseits des Lustprinzips 73 

für die das Wort von „Hunger und Liebe" vorbildlich 
ist. Es war wenigstens kein neuer Willkürakt. Damit 
reichte man in der Analyse der Psychoneurosen ein 
ganzes Stück weit aus. Der Begriff der „Sexualität 11 
— und damit der eines Sexualtriebes — mußte freilich 
erweitert werden, bis er vieles einschloß, was sich nicht 
der Fortpflanzungsfunktion einordnete, und darüber gab 
es Lärm genug in der strengen, vornehmen oder bloß 
heuchlerischen Welt. 

Der nächste Schritt erfolgte, als sich die Psycho- 
analyse näher an das psychologische Ich herantasten 
konnte, das ihr zunächst nur als verdrängende, zensu- 
rierende und zu Schutzbauten, Reaktionsbildungen be- 
fähigte Instanz bekannt geworden war. Kritische und 
andere weitblickende Geister hatten zwar längst gegen 
die Einschränkung des Libidobegriffes auf die Energie 
der dem Objekt zugewendeten Sexualtriebe Einspruch 
erhoben. Aber sie versäumten es mitzuteilen, woher 
ihnen die bessere Einsicht gekommen war, und ver- 
standen nicht, etwas für die Analyse Brauchbares aus ihr 
abzuleiten. In bedächtigerem Fortschreiten fiel es nun 
der psychoanalytischen Beobachtung auf, wie regel- 
mäßig Libido vom Objekt abgezogen und aufs Ich 
gerichtet wird (Introversion), und indem sie die Libido- 
entwicklung des Kindes in ihren frühesten Phasen 
studierte, kam sie zur Einsicht, daß das Ich das eigent- 
liche und ursprüngliche Reservoir der Libido sei, die 
erst von da aus auf das Objekt erstreckt werde. Das 






74 Sigrn. Freud 

Ich trat unter die Sexualobjekte und wurde gleich als 
das vornehmste unter ihnen erkannt. Wenn die Libido 
so im Ich verweilte, wurde sie narzißtisch genannt 1 . 
Diese narzißtische Libido war natürlich auch die Kraft- 
äußerung von Sexualtrieben im analytischen Sinne, die 
man mit den von Anfang an zugestandenen , Selbst- 
erhaltungstrieben" identifizieren mußte. Somit war der 
ursprüngliche Gegensatz von Ichtrieben und Sexual- 
trieben unzureichend geworden. Ein Teil der Ichtriebe 
war als libidinös erkannt; im Ich waren — neben 
anderen wahrscheinlich — auch Sexualtriebe wirksam, 
doch ist man berechtigt zu sagen, daß die alte Formel, 
die Psychoneurose beruhe auf einem Konflikt zwischen 
den Ichtrieben und den Sexualtrieben, nichts enthielt, 
was heute zu verwerfen wäre. Der Unterschied der 
beiden Triebarten, der ursprünglich irgendwie qualitativ 
gemeint war, ist jetzt nur anders, nämlich topisch 
zu bestimmen. Insbesondere die Übertragungsneurose, 
das eigentliche Studienobjekt der Psychoanalyse, bleibt 
das Ergebnis eines Konflikts zwischen dem Ich und 
der libidinösen Objektbesetzung. 

Um so mehr müssen wir den libidinösen Charakter 
der Selbsterhaltungstriebe jetzt betonen, da wir den 
weiteren Schritt wagen, den Sexualtrieb als den alles 
erhaltenden Eros zu erkennen und die narzißtische 

i) Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch der Psycho- 
analyse, VI, 1914, und Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre, IV. Folge, 1918. 



Jenseits des Lustprinzips 75 

Libido des Ichs aus den Libidobeiträgen ableiten, mit 
denen die Somazellen aneinander haften. Nun aber 
finden wir uns plötzlich folgender Frage gegenüber : 
Wenn auch die Selbsterhaltungstriebe libidinöser Natur 
sind, dann haben wir vielleicht überhaupt keine anderen 
Triebe als libidinöse. Es sind wenigstens keine anderen 
zu sehen. Dann muß man aber doch den Kritikern 
Recht geben, die von Anfang an geahnt haben, die 
Psychoanalyse erkläre alles aus der Sexualität, oder 
den Neuerern wie Jung, die, kurz entschlossen, Libido 
für „Triebkraft" überhaupt gebraucht haben. Ist dem 

nicht so? 

In unserer Absicht läge dies Resultat allerdings 
nicht. Wir sind ja vielmehr von einer scharfen Scheidung 
zwischen Ichtrieben == Todestrieben und Sexualtrieben 
=' Lebenstrieben ausgegangen. Wir waren ja bereit, 
auch die angeblichen Selbsterhaltungstriebe des Ichs 
zu den Todestrieben zu rechnen, was wir seither be- 
richtigend zurückgezogen haben. Unsere Auffassung 
war von Anfang eine dualistische und sie ist es 
heute schärfer denn zuvor, seitdem wir die Gegensätze 
nicht mehr Ich- und Sexaltriebe, sondern Lebens- und 
Todestriebe benennen. Jung's Libidotheorie ist dagegen 
eine monistische; daß er seine einzige Triebkraft Libido 
geheißen hat, mußte Verwirrung stiften, soll uns aber 
weiter nicht beeinflussen. Wir vermuten, daß im Ich 
noch andere als die libidinösen Selbsterhaltungstriebe 
tätig sind, wir sollten nur imstande sein, sie aufzuzeigen. 






— 



76 Sigm, Freud 



Es ist zu bedauern, daß die Analyse des Ichs so wenig 
fortgeschritten ist, daß dieser Nachweis uns recht 
schwer wird. Die libidinösen Triebe des Ichs mögen 
allerdings in besonderer Weise mit den anderen, uns 
noch fremden Ichtrieben verknüpft sein. Noch ehe wir 
den Narzißmus klar erkannt hatten, bestand bereits in 
der Psychoanalyse die Vermutung, daß die „Ichtriebe" 
libidinöse Komponenten an sich gezogen haben. Aber 
das sind recht unsichere Möglichkeiten, denen die 
Gegner kaum Rechnung tragen werden. Es bleibt 
mißlich, daß uns die Analyse bisher immer nur in den 
Stand gesetzt hat, libidinöse Triebe nachzuweisen. Den 
Schluß, daß es andere nicht gibt, möchten wir darum 
doch nicht mitmachen. 

Bei dem gegenwärtigen Dunkel der Trieblehre tun 
wir wohl nicht gut, irgend einen Einfall, der uns Auf- 
klärung verspricht, zurückzuweisen. Wir sind von der 
großen Gegensätzlichkeit von Lebens- und Todestrieben 
ausgegangen. Die Objektliebe selbst zeigt uns eine 
zweite solche Polarität, die von Liebe (Zärtlichkeit) 
und Haß (Aggression). Wenn es uns gelänge, diese 
beiden Polaritäten in Beziehung zu einander zu bringen, 
die eine auf die andere zurückzuführen I Wir haben 
von jeher eine sadistische Komponente des Sexualtriebes 
anerkannt; 1 sie kann sich, wie wir wissen, selbständig 
machen und als Perversion das gesamte Sexualstreben 

i) „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", von der i. Auf- 
lage, 1905, an. 






Jenseits des Lustprinzips 77 

der Person beherrschen. Sie tritt auch in einer der 
von mir sogenannten „prägenitalen Organisationen" als 
dominierender Partialtrieb hervor. Wie soll man aber 
den sadistischen Trieb, der auf die Schädigung des 
Objekts zielt, vom lebenserhaltenden Eros ableiten 
können? Liegt da nicht die Annahme nahe, daß dieser 
Sadismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch den 
Einfluß der narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt 
wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein 
kommt? Er tritt dann in den Dienst der Sexualfunktion; 
im oralen Organisationsstadium der Libido fällt die 
Liebesbemächtigung noch mit der Vernichtung des 
Objekts zusammen, später trennt sich der sadistische 
Trieb ab und endlich übernimmt er auf der Stufe des 
Genitalprimats zum Zwecke der Fortpflanzung die 
Funktion, das Sexualobjekt so weit zu bewältigen, als 
es die Ausführung des Geschlechtsaktes erfordert. Ja, 
man könnte sagen, der aus dem Ich herausgedrängte 
Sadismus habe den libidinösen Komponenten des Sexual- 
triebes den Weg gezeigt; späterhin drängen diese zum 
Objekt nach. Wo der ursprüngliche Sadismus keine 
Ermäßigung und Verschmelzung erfährt, ist die be- 
kannte Liebe-Haß-Ambivalenz des Liebeslebens her- 
gestellt. 

Wenn es erlaubt ist, eine solche Annahme zu 
machen, so wäre die Forderung erfüllt, ein Beispiel 
eines — allerdings verschobenen — Todestriebes auf- 
zuzeigen. Nur daß diese Auffassung von jeder Anschau- 



7 8 Sigm. Freud 



lichkeit weit entfernt ist und einen geradezu mystischen 
Eindruck macht. Wir kommen in den Verdacht, um 
jeden Preis eine Auskunft aus einer großen Verlegen- 
heit gesucht zu haben. Dann dürfen wir uns darauf 
berufen, daß eine solche Annahme nicht neu ist, daß 
wir sie bereits früher einmal gemacht haben, als von 
einer Verlegenheit noch keine Rede war. Klinische 
Beobachtungen haben uns seinerzeit zur Auffassung 
genötigt, daß der dem Sadismus komplementäre Partial- 
trieb des Masochismus als eine Rückwendung des 
Sadismus gegen das eigene Ich zu verstehen sei. 1 Eine 
Wendung des Triebes vom Objekt zum Ich ist aber 
prinzipiell nichts anderes als die Wendung vom Ich 
zum Objekt, die hier als neu in Frage steht. Der 
Masochismus, die Wendung des Triebes gegen das 
eigene Ich, wäre dann in Wirklichkeit eine Rückkehr 
zu einer früheren Phase desselben, eine Regression. 
In einem Punkte bedürfte die damals vom Masochismus 
gegebene Darstellung einer Berichtigung als allzu aus- 
schließlich; der Masochismus könnte auch, was ich 
dort bestreiten wollte, ein primärer sein. 3 

i) Vgl. Sexualthcorie, 4. Aufl., 1920, und „Triebe und Trieb- 
schicksale" in Sammlung kleiner Schriften, IV. Folge. 

2) In einer Inhalts- und gedankenreichen, für mich leider 
nicht ganz durchsichtigen Arbeit hat Sabina Spiel rein ein ganzes 
Stück dieser Spekulation vorweggenommen. Sie bezeichnet die 
sadistische Komponente des Sexualtriebes als die „destruktive". 
(Die Destruktion als Ursache des Werdens. Jahrbuch für Psycho- 
analyse, IV, 1912.) In noch anderer Weise suchte A. Stärcke 



Jenseits des Ltistp7-inzips yg 

Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden Sexual- 
trieben zurück. Schon aus der Protistenforschung haben 
wir erfahren, daß die Verschmelzung zweier Individuen 
ohne nachfolgende Teilung, die Kopulation, auf beide 
Individuen, die sich dann bald von einander lösen, 
stärkend und verjüngend wirkt. (S. o. Lip schütz.) 
Sie zeigen in weiteren Generationen keine Degene- 
rationserscheinungen und scheinen befähigt, den Schäd- 
lichkeiten ihres eigenen Stoffwechsels länger zu wider- 
stehen. Ich meine, daß diese eine Beobachtung als 
vorbildlich für den Effekt auch der geschlechtlichen 
Vereinigung genommen werden darf. Aber auf welche 
Weise bringt die Verschmelzung zweier wenig ver- 
schiedener Zellen eine solche Erneuerung des Lebens 
zustande? Der Versuch, der die Kopulation bei den 
Protozoen durch die Einwirkung chemischer, ja selbst 
mechanischer Reize (1. c.) ersetzt, gestattet wohl eine 
sichere Antwort zu geben: Es geschieht durch die 
Zufuhr neuer Reizgrößen. Das stimmt nun aber gut 
zur Annahme, daß der Lebensprozeß des Individuums 
aus inneren Gründen zur Abgleichung chemischer 
Spannungen, das heißt zum Tode führt, während die 

(Inleiding by de vertaling von S. Freud, De sexuele beschavings- 
moral etc., 1914) den Libidobegriff selbst mit dem theoretisch zu 
supponierenden biologischen Begriff eines Antriebes zum Tode 
zu identifizieren. (Vgl. auch Rank, Der Künstler.) Alle diese Be- 
mühungen zeigen, wie die im Texte, von dem Drang nach einer 
noch nicht erreichten Klärung in der Trieblehre. 



8o Sigm. Freud 



Vereinigung mit einer individuell verschiedenen lebenden 
Substanz diese Spannungen vergrößert, sozusagen neue 
Vitaldifferenzen einführt, die dann abgelebt 
werden müssen. Für diese Verschiedenheit muß es 
natürlich ein oder mehrere Optima geben. Daß wir als 
die herrschende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht 
des Nervenlebens überhaupt, das Streben nach Herab- 
setzung, Konstantcrhaltung, Aufhebung der inneren Reiz- 
spannung erkannten (das Nirwanaprinzip nach einem 
Ausdruck von Barbara Low), wie es im Lustprinzip 
zum Ausdruck kommt, das ist ja eines unserer stärksten 
Motive, an die Existenz von Todestrieben zu glauben. 

Als empfindliche Störung unseres Gedankenganges 
verspüren wir es aber noch immer, daß wir gerade 
für den Sexualtrieb jenen Charakter eines Wieder- 
holungszwanges nicht nachweisen können, der uns zu- 
erst zur Aufspürung der Todestriebe führte. Das Gebiet 
der embryonalen Entwicklungsvorgänge ist zwar über- 
reich an solchen Wiederholungserscheinungen, die beiden 
Keimzellen der geschlechtlichen Fortpflanzung und ihre 
Lebensgeschichte sind selbst nur Wiederholungen der 
Anfänge des organischen Lebens; aber das Wesent- 
liche an den vom Sexualtrieb intendierten Vorgängen 
ist doch die Verschmelzung zweier Zelleiber. Erst 
durch diese wird bei den höheren Lebewesen die Un- 
sterblichkeit der lebenden Substanz gesichert. 

Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft schaffen 
über die Entstehung der geschlechtlichen Fortpflanzung 



yenseits des Lustp?-inzips 8 1 

und die Herkunft der Sexualtriebe überhaupt, eine 
Aufgabe, vor der ein Außenstehender zurückschrecken 
muß, und die von den Spezialforschern selbst bisher 
noch nicht gelöst werden konnte. In knappster Zu- 
sammendrängung sei darum aus all den widerstreitenden 
Angaben und Meinungen hervorgehoben, was einen 
Anschluß an unseren Gedankengang zuläßt. 

Die eine Auffassung benimmt dem Problem der 
Fortpflanzung seinen geheimnisvollen Reiz, indem sie 
die Fortpflanzung als eine Teilerscheinung des Wachs- 
tums darstellt (Vermehrung durch Teilung, Sprossung, 
Knospung). Die Entstehung der Fortpflanzung durch 
geschlechtlich differenzierte Keimzellen könnte man 
sich nach nüchterner Darwinscher Denkungsart so 
vorstellen, daß der Vorteil der Amphimixis, der sich 
dereinst bei der zufälligen Kopulation zweier Protisten 
ergab, in der ferneren Entwicklung festgehalten und 
weiter ausgenützt wurde. 1 Das „Geschlecht" wäre 
also nicht sehr alt, und die außerordentlich heftigen 
Triebe, welche die geschlechtliche Vereinigung herbei- 
führen wollen, wiederholten dabei etwas, was sich 



i) Obwohl Weismann (Das Keimplasma, 1892) auch diesen 
Vorteil leugnet: „Die Befruchtung bedeutet keinesfalls eine Ver- 
jüngung oder Erneuerung des Lebens, sie wäre durchaus nicht 
notwendig zur Fortdauer des Lebens, sie ist nichts als eine Ein- 
richtung, um die Vermischung zweier verschiedener Ver- 
erbungstendenzen möglich zu machen." Als die Wirkung einer 
solchen Vermischung betrachtet er aber doch eine Steigerung der 
Variabilität der Lebewesen. 

Freud : Jenseits des Luttprinzips 6 



$, 2 Sigtn. Freud 

zufällig einmal ereignet und seither als vorteilhaft be- 
festigt hat. 

Es ist hier wiederum wie beim Tod die Krage, 
ob man bei den Protisten nichts anderes gelten lassen 
soll als was sie zeigen, und ob man annehmen darf, 
daß Kräfte und Vorgänge, die erst, bei höheren Lebe- 
wesen sichtbar werden, auch bei diesen zuerst ent- 
standen sind. Kür unsere Absichten leistet die er- 
wähnte Auffassung der Sexualität sehr wenig. Man 
wird gegen sie einwenden dürfen, daß sie die Existenz 
von Lebenstrieben, die schon im einfachsten Lebe- 
wesen wirken, voraussetzt, denn sonst wäre ja die 
Kopulation, die dem Lebenslauf entgegenwirkt und 
die Aufgabe des Ablebens erschwert, nicht festgehalten 
und ausgearbeitet, sondern vermieden worden. Wenn 
man also die Annahme von Todestrieben nicht fahren 
lassen will, muß man ihnen von allem Anfang an 
Lebenstriebe zugesellen. Aber man muß es zugestehen, 
wir arbeiten da an einer Gleichung mit zwei Unbe- 
kannten. Was wir sonst in der Wissenschaft über die 
Entstehung der Geschlechtlichkeit linden, ist so wenig, 
daß man dies Problem einem Dunkel vergleichen kann, 
in welches auch nicht der 1 .ichtstrahl einer 1 lypothese 
gedrungen ist. An ganz anderer Stelle begegnen wir 
allerdings einer solchen Hypothese, die aber von so 
phantastischer Art ist gewiß eher ein Mythus als 
eine wissenschaftliche Erklärung — , daß ich nicht 
wagen würde, sie hier anzuführen, wenn sie nicht 



1 



Jenseits des Liistprifizips 83 

— — — 1 — — ' ' 

gerade die eine Bedingung erfüllen würde, nach deren 
Erfüllung wir streben. Sie leitet nämlich einen Trieb 
ab von dem Bedürfnis nach Wiederherstellung 
eines früheren Zustandes. 

Ich meine natürlich die Theorie, die Plato im 
Symposion durch Aristophanes entwickeln läßt, 
und die nicht nur die Herkunft des Geschlechtstriebes, 
sondern auch seiner wichtigsten Variation in Bezug 
auf das Objekt behandelt.' 

„Unser Leib war nämlich zuerst gar nicht ebenso 
gebildet wie jetzt; er war ganz anders. Erstens gab 
es drei Geschlechter, nicht bloß wie jetzt männlich und 
weiblich, sondern noch ein drittes, das die beiden ver- 
einigte .... das Mannweibliche . . . t\ Alles an diesen 
Menschen war aber doppelt, sie hatten also vier Hände 
und vier Füße, zwei Gesichter, doppelte Schamteile 
usw. Da ließ sich Zeus bewegen, jeden Menschen in 
zwei Teile zu teilen, „wie man die Quitten zum Ein- 
machen durchschneidet .... Weil nun das ganze 
Wesen entzweigeschnitten war, trieb die Sehnsucht 
die beiden Hälften zusammen: sie umschlangen sich 
mit den Händen, verflochten sich ineinander im Ver- 
langen, zusammenzuwachsen . . . ." 2 

1) Übersetzung von U. v. Wilamowitz-Moellendorff. 
(Piaton 1, S. 366 f.) 

2) Prof. Heinrich Gomperz (Wien) verdanke ich die nach- 
stehenden Andeutungen über die Herkunft des Platonischen 
Mythus, die ich zum Teil in seinen Worten wiedergebe: Ich 

6* 



• ! 



84 



Sirm. Freud 



Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen 
folgend, die Annahme wagen, daß die lebende Substanz 
bei ihrer Belebung in kleine Partikel zerrissen wurde, 
die seither durch die Sexualtriebe ihre Wieder- 
vereinigung anstreben? Daß diese Triebe, in denen 
sich die chemische Affinität der unbelebten Materie 
fortsetzt, durch das Reich der Protisten hindurch all- 
mählich die Schwierigkeiten überwinden, welche eine 
mit lebensgefährlichen Reizen geladene Umgebung 
diesem Streben entgegensetzt, die sie zur Bildung 
einer schützenden Rindenschicht nötigt? Daß diese 
zersprengten Teilchen lebender Substanz so die Viel- 
zelligkeit erreichen und endlich den Keimzellen den 
Trieb zur Wiedervereinigung in höchster Konzentration 

möchte darauf aufmerksam machen, daß sich wesentlich dieselbe. 
Theorie auch schon in den Upanishaden findet. Denn Brihad- 
Aranyaka-Upanishad, I, 4, 3 (Deussen, 60 Upanishads des 
Veda, S. 393), wo das Hervorgehen der Welt aus dem Atman (dem 
Selbst oder Ich) geschildert wird, heißt es: „ . . . . Aber er (der 
Atman, das Selbst oder das Ich) hatte auch keine Freude ; darum 
hat einer keine Freude, wenn er allein ist. Da begehrte er nach 
einem Zweiten. Nämlich er war so groß wie ein Weib und ein 
Mann, wenn sie sich umschlungen halten. Dieses sein Selbst zer- 
fällte er in zwei Teile: daraus entstanden Gatte und Gattin. Darum 
ist dieser Leib an dem Selbst gleichsam eine Halbscheid, so 
nämlich hat es Yajnavalkya erklärt. Darum wird dieser leere 
Raum hier durch das Weib ausgefüllt." 

Die Brihad-Aranyaka-Upanishad ist die älteste aller 
Upanishaden und wird wohl von keinem urteilsfähigen Forscher 
später angesetzt als etwa um das Jahr 800 v. Chr. Die Frage, ob 
eine, wenn auch nur mittelbare Abhängigkeit Plato's von diesen 



Jenseits des Lustprinzips 85 

übertragen? Ich glaube, es ist hier die Stelle, abzu- 
brechen. 

Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Be- 
sinnung anzuschließen. Man könnte mich fragen, ob 
und inwieweit ich selbst von den hier entwickelten 
Annahmen überzeugt bin. Meine Antwort würde lauten, 
daß ich weder selbst überzeugt bin, noch bei anderen 
um Glauben für sie werbe. Richtiger : ich weiß nicht, 
wie weit ich an sie glaube. Es scheint mir, daß das 
affektive Moment der Überzeugung hier gar nicht in 
Betracht zu kommen braucht. Man kann sich doch 
einem Gedankengang hingeben, ihn verfolgen, soweit 
er führt, nur aus wissenschaftlicher Neugierde oder, 
wenn man will, als advocatus diaboli, der sich darum 
doch nicht dem Teufel selbst verschreibt. Ich verkenne 



indischen Gedanken möglich wäre, möchte ich im Gegensatz zur 
herrschenden Meinung nicht unbedingt verneinen, da eine solche 
Möglichkeit wohl auch für die Seelenwanderungslehre nicht gerade- 
zu in Abrede gestellt werden kann. Eine solche, zunächst durch 
Pythagoreer vermittelte Abhängigkeit würde dem gedanklichen 
Zusammentreffen kaum etwas von seiner Bedeutsamkeit nehmen, 
da Plato eine derartige ihm irgendwie aus orientalischer Über- 
lieferung zugetragene Geschichte sich nicht zu eigen gemacht, 
geschweige denn ihr eine so bedeutsame Stellung angewiesen 
hätte, hätte sie ihm nicht selbst als wahrheitshältig eingeleuchtet. 
In einem Aufsatz von K. Ziegler, Menschen- und Welten- 
werden (Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, Bd. 31, 
S. 529 ff., 191 3,) der sich planmäßig mit der Erforschung des frag- 
lichen Gedankens vor Plato beschäftigt, wird dieser auf baby- 
lonische Vorstellungen zurückgeführt. 






86 Sigm. Freud 



nicht, daß der dritte Schritt in der Trieblehre, den 
ich hier unternehme, nicht dieselbe .Sicherheit bean- 
spruchen kann wie die beiden früheren, die Er- 
weiterung des Begriffes der Sexualität und die Auf- 
stellung des Narzißmus. Diese Neuerungen waren 
direkte Übersetzungen der Beobachtung in Theorie, 
mit nicht größeren Fehlerquellen behaftet, als in all 
solchen Fällen unvermeidlich ist. Die Behauptung des 
regressiven Charakters der Triebe ruht allerdings 
auch auf beobachtetem Material, nämlich auf den Tat- 
sachen des Wiederholungszwanges. Allein vielleicht 
habe ich deren Bedeutung überschätzt. Die Durch- 
führung dieser Idee ist jedenfalls nicht anders möglich, 
als daß man mehrmals nacheinander Tatsächliches mit 
bloß Erdachtem kombiniert und sich dabei weit von 
der Beobachtung entfernt. Man weiß, daß das End- 
ergebnis um so un verläßlicher wird, je öfter man dies 
während des Aufbaues einer Theorie tut, aber der 
Grad der Unsicherheit ist nicht angebbar. Man kann 
dabei glücklich geraten haben oder schmählich in die 
Irre gegangen sein. Der sogenannten Intuition traue 
ich. bei solchen Arbeiten wenig zu ; was ich von un- 
gesehen habe, schien mir eher der Erfolg einer ge- 
wissen Unparteilichkeit des Intellekts. Nur daß man 
leider selten unparteiisch ist, wo es sich um die letzten 
Dinge, die großen Probleme der Wissenschaft und 
des Lebens handelt. Ich glaube, ein jeder wird da 
von innerlich tief begründeten Vorlieben beherrscht, 



— — 



Jenseits des Lustprinzips 87 



denen er mit seiner Spekulation unwissentlich in die 
Hände arbeitet. Bei so guten Gründen zum Mißtrauen 
bleibt wohl nichts anderes als ein kühles Wohlwollen 
für die Ergebnisse der eigenen Denkbemühung möglich. 
Ich beeile mich nur hinzuzufügen, daß solche Selbst- 
kritik durchaus nicht zu besonderer Toleranz gegen 
abweichende Meinungen verpflichtet. Man darf uner- 
bittlich Theorien abweisen, denen schon die ersten 
Schritte in der Analyse der Beobachtung widersprechen, 
und kann dabei doch wissen, daß die Richtigkeit 
derer, die man vertritt, doch nur eine vorläufige ist. 
In der Beurteilung unserer Spekulation über die Lebens- 
und Todestriebe würde es uns wenig stören, daß so 
viel befremdende und unanschauliche Vorgänge darin 
vorkommen, wie ein Trieb werde von anderen heraus- 
o-edrängt, oder er wende sich vom Ich zum Objekt 
u. dgl. Dies rührt nur daher, daß wir genötigt sind, 
mit den wissenschaftlichen Terminis, das heißt, mit der 
eigenen Bildersprache der Psychologie (richtig: der 
Tiefenpsychologie) zu arbeiten. Sonst könnten wir die 
entsprechenden Vorgänge überhaupt nicht beschreiben, 
ja würden sie gar nicht wahrgenommen haben. Die 
Mängel unserer Beschreibung würden wahrscheinlich 
verschwinden, wenn wir anstatt der psychologischen 
Termini schon die physiologischen oder chemischen 
einsetzen könnten. Diese gehören zwar auch nur einer 
Bildersprache an, aber einer uns seit längerer Zeit 
vertrauten und vielleicht auch einfacheren. 






88 Sigm. Freud 



Hingegen wollen wir uns recht klar machen, daß 
die Unsicherheit unserer Spekulation zu einem hohen 
Grade durch die Nötigung gesteigert wurde, Anleihen 
bei der biologischen Wissenschaft zu machen. Die 
Biologie ist wahrlich ein Reich der unbegrenzten 
Möglichkeiten, wir haben die überraschendsten Auf- 
klärungen von ihr zu erwarten und können nicht er- 
raten, welche Antworten sie auf die von uns an sie 
gestellten Fragen einige Jahrzehnte später geben würde. 
Vielleicht gerade solche, durch die unser ganzer künst- 
licher Hau von Hypothesen umgeblasen wird. Wenn 
dem so ist, könnte jemand fragen, wozu unternimmt 
man also solche Arbeiten wie die in diesem Abschnitt 
niedergelegte, und warum bringt man sie doch zur 
Mitteilung? Nun, ich kann nicht in Abrede stellen, 
daß einige der Analogien, Verknüpfungen und Zu- 
sammenhänge darin mir der Beachtung würdig er- 
schienen sind. 1 



i) Anschließend hier einige Worte zur Klärung unserer 
Namengebung, die im Laufe dieser Erörterungen eine gewisse 
Entwicklung durchgemacht hat. Was „Sexualtriebe" sind, wußten 
wir aus ihrer Beziehung zu den Geschlechtern und zur Fort- 
pflanzungsfunktion. Wir behielten dann diesen Namen bei, als 
wir durch die Ergebnisse der Psychoanalyse genötigt waren, 
deren Beziehung zur Fortpflanzung zu lockern. Mit der Aufstellung 
der narzißtischen Libido und der Ausdehnung des Libidobegriffes 
auf die einzelne Zelle wandelte sich uns der Sexualtrieb zum 
Eros, der die Teile der lebenden Substanz zu einander zu drängen 
und zusammenzuhalten sucht, nnd die gemeinhin so genannten 
Sexualtriebe erschienen als der dem Objekt zugewandte Anteil 



Jenseits des Lustprinzips 89 

dieses Eros. Die Spekulation läßt dann diesen Eros vom Anfang 
des Lebens an wirken und als „Lebenstrieb" im Gegensatz zum 
„Todestrieb" treten, der durch die Belebung des Anorganischen 
entstanden ist. Sie versucht das Rätsel des Lebens durch die 
Annahme dieser beiden von Uranfang an miteinander ringenden 
Triebe zu lösen. Unübersichtlicher ist vielleicht die Wandlung, 
die der Begriff der „Ichtriebe" erfahren hat Ursprünglich nannten 
wir so alle jene von uns nicht näher gekannten Triebrichtungen, 
die sich von den auf das Objekt gerichteten Sexualtrieben ab- 
scheiden lassen, und brachten die Ichtriebe in Gegensatz zu den 
Sexualtrieben, deren Ausdruck die Libido ist. Späterhin näherten 
wir uns der Analyse des Ichs und erkannten, daß auch ein Teil 
der „Ichtriebe" libidinöser Natur ist, das eigene Ich zum Objekt 
genommen hat. Diese narzißtischen Selbsterhaltungstriebe mußten 
also jetzt den libidinösen Sexualtrieben zugerechnet werden. Der 
Gegensatz zwischen Ich- und Sexualtrieben wandelte sich in den 
zwischen Ich- und Objekttrieben, beide libidinöser Natur. An seine 
Stelle trat aber ein neuer Gegensatz zwischen libidinösen (Ich- 
und Objekt-) Trieben und anderen, die im Ich zu statuieren und 
vielleicht in den Destruktionstrieben aufzuzeigen sind. Die Speku- 
lation wandelt diesen Gegensatz in den von Lebenstrieben (Eros) 
und von Todestrieben um. 









VII. 



Wenn es wirklich ein so allgemeiner Charakter 
der Triebe ist, daß sie einen früheren Zustand wieder- 
herstellen wollen, so dürfen wir uns nicht darüber ver- 
wundern, daß im Seelenleben so viele Vorgänge sich 
unabhängig vom Lustprinzip vollziehen. Dieser Charakter 
würde sich jedem Partialtrieb mitteilen und sich in 
seinem Falle auf die Wiedererreichung einer bestimmten 
Station des Entwicklungsweges bezichen. Aber all 
dies, worüber das Lustprinzip noch keine Macht be- 
kommen hat, brauchte darum noch nicht im Gegen- 
satz zu ihm zu stehen, und die Aufgabe ist noch 
ungelöst, das Verhältnis der triebhaften Wieder- 
holungsvorgänge zur Herrschaft des Lustprinzips zu 
bestimmen. 

Wir haben es als eine der frühesten und wichtigsten 
Funktionen des seelischen Apparates erkannt, die an- 
langenden Triebregungen zu „binden", den in ihnen 
herrschenden Primärvorgang durch den Sekundärvorgang 
zu ersetzen, ihre frei bewegliche Besetzungsenergie 



Jenseits des Lustprinzips 91 

in vorwiegend ruhende (tonische) Besetzung umzu- 
wandeln. Während dieser Umsetzung kann auf die 
Entwicklung von Unlust nicht Rücksicht genommen 
werden, allein das Lustprinzip wird dadurch nicht auf- 
gehoben. Die Umsetzung geschieht vielmehr im Dienste 
des Lustprinzips; die Bindung ist ein vorbereitender 
Akt, der die Herrschaft des Lustprinzips einleitet 
und sichert. 

Trennen wir Funktion und Tendenz schärfer von- 
einander, als wir es bisher getan haben. Das Lust- 
prinzip ist dann eine Tendenz, welche im Dienste 
einer Funktion steht, der es zufällt, den seelischen 
Apparat überhaupt erregungslos zu machen, oder den 
Betrag der Erregung in ihm konstant oder möglichst 
niedrig zu erhalten. Wir können uns noch für keine 
dieser Fassungen sicher entscheiden, aber wir mer- 
ken, daß die so bestimmte Funktion Anteil hätte 
an dem allgemeinsten Streben alles Lebenden, zur 
Ruhe der anorganischen Welt zurückzukehren. Wir 
haben alle erfahren, daß die größte uns erreich- 
bare Lust, die des Sexualaktes, mit dem momen- 
tanen Erlöschen einer hochgesteigerten Erregung 
verbunden ist. Die Bindung der Triebregung wäre 
aber eine vorbereitende Funktion, welche die Erre- 
gung für ihre endgültige Erledigung in der Abfuhr- 
lust zurichten soll. 

Aus demselben Zusammenhang erhebt sich die 
Frage, ob die Lust- und Unlustempfindungen von den 






i 



Sigm. Freud 



gebundenen wie von den ungebundenen Erregungs- 
vorgängen in gleicher Weise erzeugt werden können. 
Da erscheint es denn ganz unzweifelhaft, daß die 
ungebundenen, die Primärvorgänge, weit intensivere 
Empfindungen nach beiden Richtungen ergeben als 
die gebundenen, die des Sekundärvorganges. Die 
Primärvorgänge sind auch die zeitlich früheren, zu 
Anfang des Seelenlebens gibt es keine anderen, und 
wir können schließen, wenn das Lustprinzip nicht 
schon bei ihnen in Wirksamkeit wäre, könnte es sich 
überhaupt für die späteren nicht herstellen. Wir kommen 
so zu dem im Grunde nicht einfachen Ergebnis, daß 
das Luststreben zu Anfang des seelischen Lebens sich 
weit intensiver äußert als späterhin, aber nicht so un- 
eingeschränkt; es muß sich häufige Durchbrüche ge- 
fallen lassen. In reiferen Zeiten ist die Herrschaft des 
Lustprinzips sehr viel mehr gesichert, aber dieses 
selbst ist der Bändigung so wenig entgangen, wie 
die anderen Triebe überhaupt. Jedenfalls muß das, 
was am Erregungs vorgange die Empfindungen von 
Lust und Unlust entstehen läßt, beim Sekundär- 
vorgang ebenso vorhanden sein, wie beim Primär- 
vorgang. 

Hier wäre die Stelle, mit weiteren Studien ein- 
zusetzen. Unser Bewußtsein vermittelt uns von innen 
her nicht nur die Empfindungen von Lust und Un- 
lust, sondern auch von einer eigentümlichen Spannung, 
die selbst wieder eine lustvolle oder unlustvolle sein 



■ •-■ • 






'Jenseits des L/ustprinzips 93 

kann. Sind es nun die gebundenen und die unge- 
bundenen Energievorgänge, die wir mittels dieser 
Empfindungen von einander unterscheiden sollen, oder 
ist die Spannungsempfindung auf die absolute Größe, 
eventuell das Niveau der Besetzung zu beziehen, 
während die Lust-Unlustreihe auf die Änderung der 
Besetzungsgröße in der Zeiteinheit hindeutet ? Es muß 
uns auch auffallen, daß die Lebenstriebe so viel mehr 
mit unserer inneren Wahrnehmung zu tun haben, da 
sie als Störenfriede auftreten, unausgesetzt Spannungen 
mit sich bringen, deren Erledigung als Lust empfunden 
wird, während die Todestriebe ihre Arbeit unauffällig 
zu leisten scheinen. Das Lustprinzip scheint geradezu 
im Dienste der Todestriebe zu stehen; es wacht aller- 
dings auch über die Reize von außen, die von beiderlei 
Triebarten als Gefahren eingeschätzt werden, aber 
ganz besonders über die Reizsteigerungen von innen 
her, die eine Erschwerung der Lebensaufgabe erzielen. 
Hieran knüpfen sich ungezählte andere Fragen, deren 
Beantwortung jetzt nicht möglich ist. Man muß geduldig 
sein und auf weitere Mittel und Anlässe zur Forschung 
warten. Auch bereit bleiben, einen Weg wieder zu 
verlassen, den man eine Weile verfolgt hat, wenn er 
zu nichts Gutem zu führen scheint. Nur solche 
Gläubige, die von der Wissenschaft einen Ersatz für 
den aufgegebenen Katechismus fordern, werden dem 
Forscher die Fortbildung oder selbst die Umbildung 
seiner Ansichten verübeln dürfen. Im übrigen mag 



^« 



94 



Sigm. Freud 



uns ein Dichter (k ackert in den Makamen des 
Hariri) über die langsamen Fortschritte unserer wissen- 
schaftlichen Erkenntnis trösten : 

„Was man nicht erfliegen kann, muß man erhinken. 
Die Schrift sagt, es ist keine Sünde zu hinken." 



■ 



WERKE VON PROF. S I G M. FREUD 

Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. (Fehlleistungen, 
Traum, Allgemeine Neurosenlehre.) Drei Teile in einem Band. . 
Großoktavausgabe, 4. Auflage (5.— 11. Tausend) 1922. 
Tasc/ienausgabe, 2. Auflage (3.-7. Tausend) 1923. 

Die Traumdeutung. 7. Auflage, mit Beiträgen von Dr. Otto Rank. 1922. 

Über den Traum. 3. Auflage. München 1921. 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Ver- 
sprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. 9. Auflage. 1923. 

Totem und Tabu. Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der 
Wilden und der Neurotiker. 3. Auflage. 1922. 

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 3. Auflage. 
Leipzig und Wien 1921. 

Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20 jähr. Gründungs- 
feier der Clark University in Worcester, Mass. 6. Auflage. 1922. 

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.. 5. Auflage. 1922. 

Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Erste Folge. 
4. Auflage. 1922. — Zweite Folge. 3. Auflage. 1921. — Dritte Folge. 
2. Auflage. 1921. - Vierte Folge. 2. Auflage. 1922. - Fünfte Folge. 1922. 
(Inhalt der 5 Bände s. umseitig) 

Studien über Hysterie (mit Dr. Josef Breuer). 3. Auflage. 1922. 

Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva". (Schriften 
zur angewandten Seelenkunde, 1. Heft.) 2. Auflage. 1912. 

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. (Schriften zur 
angewandten Seelenkunde, 7. Heft.) 3. Auflage. 1923. 

Jenseits des Lustprinzips. 3. Auflage. 1923. 

Massenpsychologie und Ich-Analyse. 2. Auflage. 1923. 

Das Ich und das Es. 1923. 

Zu beziehen durch den INTERNATIONALEN PSYCHO- 
ANALYTISCHEN VERLAG, Wien, VII. Andreasgosse 3 



SAMMLUNG KLEINER SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE 
Von Prof. SIGM. FREUD 

Erste Folge. 4. Auflage 1922. — Inhalt: Clinreot. — Über den psychisdien 
Mechanismus hysterischer Phänomene (mit Dr. J. Breuer). — Quelques considerntions pour 
une etude comparutive des paralysier motriecs orgnniques et liystcriqucs. — Die Abwohr- 
Neuropsycliosen. — Über die Berechtigung, von tivr Neurasthenie einen bestimmten Symptomcn- 
Icomplcx nls „Angstneurose" abzutrennen. — Obscsnious et pliobics. Lcur mccunisniu psychique 
et lcur Ätiologie. — Zur Kritik der „Angstneurose". — Weitere Bemerkungen über die Abwehr- 
Ncuropsyclioscn. — L'hcredite et l'ütinlogie lies nevroses. — Zur Ätiologie der Hysterie. — Die 
Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. — Über Psychotherapie. — Die Frcudsche psychoanalytische 
Methode. — Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. 

Zweite Folge. 3. Aufluge 1921. - Inhalt: Bruchstück einer Hysterien.mlysc. - 
Tatbcstandsdiagnostik und Psychoanalyse.- Zwangshandlungen und Religionsübung.- Charakter 
und Analerotik. - Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Biscxualitüt. - Ober den 
hysterischen Anfall. Zur sexuellen Aufklärung der Kinder. Über infantile Scxualtluorien 
- Die „kulturelle" Scxualmornl und die Nervosität. - Der Dichter und das Phantasieren. 

Dritte Folge. 2. Auflage 1921. - Inhalt: Analyse der Phobie eines 5jährigen 
Knaben. - Über einen Fall von Zwangsneurose. - Psychoanalytische Bemerkungen über einen 
autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia. Formulierungen über die zwei Prinripien 
des psych.scl.en Geschehens. - Über «len Gegensinn der Urwortc. Die künftigen Chancen 
der psyd.oanalytiscl.en Therapie. - Über „wilde" Psychoanalyse. - Über neurotische Erkrankungs- 
typen. - D.e psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung. 

Vierte Folge. 2. Auflogo 1922. Inhalt: Zur Geschichte der psyd.oanalytiscl.cn 
Bewegung. - Zur Emführung des Narzißmus. Die Disposition zur Zwangsneurose. Mit- 

teilung emrs der psydioanalytischen Theorie widersprechenden Falles von Paranoia. Über 
Triebumsebungen, insbesondere der Analcrotik. - Über faus.e reconnaissance („deja r.conte") 
wahrend der psychonnalylisd.cn Arbeit. - Einige Bemerkungen über d. m Begriff de» Unbewußten 
in der Psyd.oanalysc. Märchcnsloffc. in Träumen. - Ein Traum als Beweismittel. - Aus dem 
infantilen Seelenleben. Zwei Kindcrlügen. - Mythologische Parallele zu einer plnstischeu 

Zwangsvorstellung. - Eine Beziehung zwisd.c. einem Symbol und einem Symptom. - Beitrüge 
zur Psydiologie de« l.iebcslcbcns (Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne.) 
-über d.e allgemeinste Erniedrigung des I.iebcslebens. - Das Tabu der VirginitÄl. Triebe 
und Tr.cbsducksale. - Die Verdrängung. - Das Unbewußte. - Metapsyd.ologi»che Ergänzung 
zurTraumlchre. - Trauer und Meland.olie. - Zur Technik der Psychoanalyse. (Die Handhabung 
der Traumdeutung in der Psychoanalyse.) - Zur Dynamik der Übertragung. Katsd.läge für 
den Arzt bei der psyd.oanalylisdK-n Behandlung. - Zur Einleitung der Behandlung. - Die Frage 
der ersten Mitteilungen. - Die Dynamik der Heilung. - Erinnern, Wiederholen und Durch- 
arbeiten. - Bemerkungen über die Ühcrtrngungslicbo. - Da» Motiv der Kfi.tdienwal.l. - Zeit- 
gemäßes über Krieg und Tod. - Einige Charaklerlypen aus der psychoanalytischen Arbeit. - Eine 
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Fünfte Folgo. 1922. - Inhalt: Aus der Geschid.te einer infantilen Neurose. - 
Zur Vorgeschid.te der nnalylisdien Technik. Wege der psychoanalytischen Therapie. - Über 
die Psyd.ogene.se eines Falles von weiblicher Homosexualität. — „Ein Kind wird gcsdilngcn " 
— Das Unheimliche. 






Zu bezichen durch den INTERNATIONALEN PSYCHO- 
ANALYTISCHEN VERLAG, Wien, VII. Andreaagas.e 3 



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